Foto: Felix Weißberg
Seit dem 1. Juli hat mit Jonas Schlender ein neuer Mann das Sagen an der Seitenlinie des Handball-Bundesligisten Buxtehuder SV. Der 31-Jährige spricht im Interview zum Beginn seiner Amtszeit über seinen sportlichen Ansatz, den Typen Jonas Schlender und die Aufgaben der kommenden Wochen.
Schlender begann 2020 seine Tätigkeit als Co-Trainer beim VfL Oldenburg in der 1. Handball-Bundesliga Frauen. Ab der Saison 2022/2023 übernahm er zusätzlich als Cheftrainer die 2. Mannschaft in der 3. Liga. Dort gewann er direkt im ersten Jahr den Vizemeistertitel in der 3. Liga Nord. Nach vier Jahren in Oldenburg folgte 2024 der Schritt nach Solingen. Zuletzt war der A-Lizenz-Inhaber hauptamtlicher Cheftrainer beim HSV Solingen-Gräfrath in der 2. Handball-Bundesliga Frauen und belegte in beiden Saisons den fünften Tabellenplatz. Zum Auftakt seiner Amtszeit in Buxtehude stand er in einem ersten Interview Rede und Antwort.
Moin Jonas und willkommen in Buxtehude. Es wird deine erste Saison als Bundesliga-Cheftrainer. Worin siehst du für dich persönlich auch Aufgaben in so einer ersten Saison?
Ich kenne die Liga an sich aus meiner Aufgabe als Co-Trainer in Oldenburg, aber natürlich ist es jetzt nochmal was anderes. In der ersten Liga sind nicht nur die sportlichen Anforderungen, sondern auch die Rahmenbedingungen, die sich im Gegensatz zur zweiten Liga deutlich verändern. Gerade das Thema Öffentlichkeit ist hier in Buxtehude in den ersten Tagen schon was ganz anderes. Du hast nochmal mehr Gespräche drumherum und eine etwas andere Aufmerksamkeit, die ich schätze, aber an die ich mich auch erst noch gewöhnen muss. Auch handballerisch haben wir natürlich nochmal andere professionellere Bedingungen, die es zu nutzen gilt, um die Spielerinnen optimal zu entwickeln.
Du hast deinen Umzug in diesen Tagen bei hitzigen Temperaturen vollzogen. Bist du dennoch gut angekommen?
Die Wochen waren sehr arbeitsreich zuletzt. Ich habe meine Wohnung im Umfeld von Buxtehude und bin sehr gut aufgenommen worden. Auch der ein oder andere Nachbar hat schon realisiert, dass der neue Trainer im Haus eingezogen ist und deshalb wurde ich da auch schnell auf den BSV angesprochen. (lacht) Ein Vereinswechsel ist immer viel Arbeit und dann darf man auch nicht vergessen, dass ein Trainerwechsel in Buxtehude kein Alltag ist. Deshalb ist der ein oder andere Vorgang auch für die Verantwortlichen ungewohnt, aber mir steht aus dem Staff und der Geschäftsstelle jegliche Unterstützung bereit. Wir werden jetzt noch einzelne Gespräche mit den Spielerinnen führen und uns Tag für Tag in die Vorbereitung reinarbeiten.
Was sind denn Punkte, die den Menschen Jonas Schlender ausmachen? In Buxtehude sind viele Fans nah dran, reisen mit zu den Spielen oder unterstützen die Spielerinnen rund ums Spielfeld. Passt das auch zu dir?
Also erstmal sind das sehr große Fußstapfen, wenn man die Historie des Vereins sieht. Dirk hat hier lange Zeit überragende und erfolgreiche Arbeit gemacht.
Ich würde mich als klaren und ehrlichen Mensch sehen, der authentisch und offen für Kritik ist, aber auch Ambitionen und eine große Portion Ehrgeiz hat.
Die Fans sind ein Teil unseres Teams und wir brauchen genau diese Begeisterung und Unterstützung. Wir wollen bis zu einer gewissen Grenze auch Nahbarkeit abbilden. Wenn uns da das gesunde Maß gelingt, werden wir bei Heimspielen hoffentlich mit den Fans im Rücken eine starke Einheit bilden.
Für welchen Handball steht Jonas Schlender?
Ein moderner Handballansatz – mit dem Fokus auf guter und präziser Defensivarbeit. Das soll nicht heißen, das Angriffsspiel des Gegners ständig mit Fouls zu unterbrechen, sondern vielmehr ein System zu entwickeln, indem wir Druck auf den Gegner erzeugen und Ballgewinne provozieren. Offensiv lege ich viel Wert auf das Thema Entscheidungsfindung. Taktisch Situationen entwickeln, in denen wir unseren Spielerinnen Entscheidungsoptionen ermöglichen und dadurch effektiver agieren.
Bei mir dürfen Spielerinnen auch Fehler machen, das müssen wir unserer jungen Mannschaft vermitteln. Denn jede Spielerin trifft mal falsche Entscheidungen, das ist aber für den individuellen Entwicklungsprozess sehr wichtig. Aber den Mut soll und muss das Team haben. Mir geht es darum, sich zu trauen, überhaupt Entscheidungen zu treffen.
Du hast im Kader von 19 Spielerinnen fünf Neuzugänge zu integrieren. Gleichzeitig bildet sich dieses Jahr eine sehr junge Mannschaft mit elf Spielerinnen unter 23 Jahren. Wie werdet ihr das managen?
Das System ist für viele neu mit fünf Neuzugängen plus mir als neuen Trainer und Philipp als Co. Es wird einfach darum gehen, den Ball in die Hand zu nehmen und Handball zu spielen, zu verstehen, wie die Mitspielerin tickt und was das Trainerteam erwartet. Philipp und ich legen auf eine gute Kommunikation viel Wert. Dass es Zeit braucht, bis alles greift, ist normal. Aber wir werden ein klares taktisches System vorgeben, in dem sich die Spielerinnen bewegen und kennenlernen sollen. Das wird anspruchsvoll, aber ich bin guter Dinge.
Was sind die Schwerpunkte eurer Vorbereitung und wie sind sie eingeteilt in Phasen?
Die individuelle Vorbereitung vor unserem Saisonstart am 1. Juli ist sehr kurz gewesen. Die Saison ist mittlerweile sehr lang und gleichzeitig brauchen wir eine gewisse Zeit zur Regeneration. Das Team hatte jetzt zwei Wochen individuelle Vorbereitung und dann wird es wie üblich vorerst in den athletischen Part gehen. Auch den Abschnitt will ich dennoch viel mit Ball in der Hand absolvieren.
Nach der Pause von 4 Tagen geht es dann mehr in den kooperativen Bereich. Im Trainingslager in Dänemark werden wir vermehrt den Fokus auf Abstimmungen in Sondersituationen – wie zum Beispiel bei Tempogegenstößen, Freiwurfvarianten und Unter-/ Überzahl – legen, um uns auch in Sondersituationen außerhalb des taktischen Positionsangriffs einzuspielen. Im Anschluss dann sind noch 2,5 Wochen Zeit, in denen es um kollektive und taktische Vorbereitungen mit Blick auf die gesamte Saison geht.
Wenn du ein prägendes Erlebnis als einzelnes und dann die prägendste Saison deines Trainer-Daseins nennen müsstest – welche wären das?
Die prägendste Saison war meine erste Saison 2024/25 mit Solingen, die als Absteiger der 1. Liga in der 2. Liga starten mussten. Die Mannschaft war zerrüttet, es gab viele Abgänge. Dann kommst du dahin als neuer junger Trainer und stehst bis zur WM-Pause auf einmal im Abstiegskampf der 2. Liga. Das war eine sehr belastende und zugleich lehrreiche Zeit für mich. Diese harten ersten sechs Monate haben viel mit mir und meiner Entwicklung als Mensch und Trainer gemacht. Aus meiner Sicht – so doof das klingen mag – aber auch positives für mein zukünftiges Agieren als Trainer.
Als prägendes Ereignis wäre ich weiter in der Saison 2024/25, als wir das Derby gegen den BHC zwischen Weihnachten und Silvester gewonnen haben. Davor hatten wir große Sorge, wir würden böse eine Rutsche bekommen, weil wir davor viele Spiele verloren hatten und nicht unsere Leistungen abrufen konnten. Und am Ende haben wir mit 11 Toren gewonnen und ab diesem Spiel ist etwas in der Mannschaft passiert. Mit einer Siegesserie haben wir uns nach diesem Spiel aus dem Keller gekämpft und die Saison mit einem guten fünften Platz beendet.



