Zehn Jahre beim BSV: Trainer Dirk Leun im TAGEBLATT-Interview

Seit seinem Amtsantritt vor zehn Jahren hat Trainer Dirk Leun den Buxtehuder SV in der nationalen Spitze etabliert. Zum Jubiläum bittet das TAGEBLATT zu einem Gespräch über die Veränderungen in dieser Zeit und über die Lust, ein neues Team zu formen.

 

Das Gespräch muss allerdings am Telefon stattfinden. Leun (54) befindet sich nach einer Operation in der Reha in Hamburg. Über Details zu seiner Erkrankung möchte er nicht sprechen.

 

TAGEBLATT: Herr Leun, es hieß, dass Sie zum Trainingsauftakt wieder in der Halle stehen. Klappt das? Kribbelt es schon?

 

Leun:Es kribbelt auf jeden Fall, aber klappen wird es leider nicht. Es ist noch offen, wann ich wieder einsteigen kann. Aber ich bin sehr optimistisch, dass die ersten Schritte der Vorbereitung auch von der Reha in Hamburg aus gut steuerbar sind, vor allem mit der hervorragenden Unterstützung von Heike (Axmann; Anm. d. Red.), die ich sehr schätze. Deshalb mache ich mir auch keine Sorgen, dass ich zum Start der Vorbereitung nicht in der Halle bin.

 

Beschäftigen Sie sich trotz Ihrer Erkrankung mit Handball?

 

Ja, ich stehe in engem Kontakt mit unseren Physio- und Athletiktrainern, welche die Pläne für die Kraftübungen schon mit mir abgestimmt haben. Ich habe die Vorbereitung auch schon geplant, bevor ich ins Krankenhaus gegangen bin. Jetzt plane ich die Inhalte, die Heike dann konkret umsetzen soll.

 

Nach Platz drei in der abgelaufenen Saison: Kann der BSV das wieder erreichen oder muss die Zielsetzung nach unten geschraubt werden? Der Etat ist geschrumpft, sechs neue, teilweise unerfahrene Spielerinnen müssen integriert werden und die Belastung durch den Europapokal kommt hinzu.

 

Angesichts der Veränderungen im Kader ist eine Platzierung nicht das erste Thema für mich. Die Hauptaufgabe ist, ein funktionierendes Team zu schaffen. Darunter sind viele neue, junge Spielerinnen, die man integrieren muss, und mit Malene Staal eine ausländische Spielerin, die in ihrer Zeit in Oldenburg wenig Deutsch gelernt hat. Von daher ist es nicht sinnvoll, die Mannschaft jetzt mit dem Druck auszustatten, den dritten Platz wieder erreichen zu müssen. Es kann aber sein, dass uns ein paar Prozent fehlen und wir unsere Erwartungshaltung zurückschrauben müssen. Das ist nicht unwahrscheinlich.

 

Was macht Sie wiederum optimistisch?

 

Die Spielerinnen sind super ehrgeizig. Von daher wird es eine tolle Aufgabe sein, die jungen Spielerinnen zu integrieren und ans Bundesliga-Niveau heranzuführen. Die meisten haben das Zeug, gestandene Erstliga-Spielerinnen zu werden. Man muss ihnen Zeit geben.

 

In den vergangenen Jahren haben Sie es immer wieder geschafft, mit neu formierten Mannschaften gute Ergebnisse zu erzielen. Haben Sie Spaß an dieser Aufgabe?

 

Ja, es kommt nicht von ungefähr, dass ich vor zehn Jahren in Buxtehude zugesagt habe. Das Konzept mit Nachwuchsarbeit und Leistungshandball ist genau mein Ding. Ich entwickle gerne junge Spielerinnen und freue mich, wenn sie den Sprung in die Bundesliga schaffen.

 

Sie haben es angesprochen, ihr zehnjähriges Dienstjubiläum. Nur sehr wenige Trainer im Leistungssport können auf so eine lange Zeit bei einem Verein zurückblicken. Was hält Sie in Buxtehude?

 

Zum einen fühlt sich meine Familie hier wohl, meine Frau hat hier einen Job und wir haben hier ein Haus gekauft. Das andere ist, dass die Rahmenbedingungen beim BSV einfach passen. Letztlich ist es aber so, dass Trainer am Erfolg gemessen werden. Wenn ich fünf Jahre gegen den Abstieg gespielt hätte, wäre ich wahrscheinlich keine zehn Jahre hier gewesen. Mit der Bundesliga-Mannschaft und im Nachwuchsbereich haben wir trotz unserer nicht immer üppigen Möglichkeiten stolze Ergebnisse erzielt.

 

Gab es Momente, in denen Sie kurz vor dem Abschied standen?

 

Als die Anfrage für das Amt des Bundestrainers kam, habe ich darüber nachgedacht. Ich hatte auch das eine oder andere Angebot von einem deutschen Spitzenverein. Das ist für einen Trainer reizvoll. Am Ende aber ist das Gesamtpaket in Buxtehude zufriedenstellend. Da muss man abwägen, ob man ständig hin- und herziehen will – von Nord- nach Süddeutschland, um es konkret zu sagen. Und das will ich nicht. Was ich am BSV habe, merke ich gerade in dieser Zeit, in der ich eine schwere Krankheit habe. Die Unterstützung ist vorbildlich und ich habe die Gewissheit, dass ich mir keine Sorgen um meinen Job machen muss.

 

Können Sie sich noch an Ihre ersten Trainingseinheiten beim BSV erinnern? Was hat sich im Vergleich zu heute verändert?

 

Es hat sich nicht alles um 180 Grad gedreht. Der Handball aber hat sich in Sachen Tempo und Athletik stark verändert. Anfangs war es unser Ziel, vom Tempo her auf das Niveau von Leipzig oder Nürnberg zu kommen. Gerade beim Tempo habe ich viele Inhalte verändert. Das habe ich gemerkt, als ein Trainerkollege aus Dänemark letztes Jahr zu mir sagte: ‚Vor fünf Jahren hätte ich gegen Buxtehude noch mit meiner zweiten Garde sicher gewonnen. Heute bin ich mir nicht sicher, ob ich gewinne, wenn ich meine erste Garde aufs Feld schicke.‘ Das ist Kompliment genug, dass so eine Entwicklung anerkannt wird.

 

Es gibt beim BSV auch Dinge, die sich in den vergangenen zehn Jahren nicht entwickelt haben. Woran denken Sie da?

 

(lacht) Ich denke an unseren Etat, der eher schrumpft. Das macht mich traurig, weil man erfolgreiche Arbeit vorweisen kann. Vor allem für die Mädels ist das schade, die ihre harte Arbeit nicht entsprechend honoriert bekommen. Im Gegenteil, wir müssen wieder und wieder den Gürtel enger schnallen. Solch eine Entwicklung kann so nicht immer weitergehen. Irgendwann können Trainer und Spieler das nicht mehr kompensieren und dann müssen die Ansprüche zurückgeschraubt werden.

 

Auch beim Thema einer neuen Halle gab es kaum Fortschritte. Wie groß ist die Ernüchterung?

 

Die Halle ist ein großes Thema, bei dem noch nicht viel passiert ist. Ich bin aber ein positiv denkender Mensch. Ich hoffe, dass wir mittelfristig eine Lösung finden. Natürlich lieben wir unsere Halle Nord, die Atmosphäre und das Publikum, auf der anderen Seite wissen wir, dass selbst sportlich schwächere Mannschaften bessere Bedingungen zur Verfügung stellen können als wir, angefangen von sanitären Anlagen bis hin zu Auswechselbänken. Da stagnieren wir seit Jahren.

 

Wie haben Sie sich selbst denn in den vergangenen zehn Jahren verändert? Eine Selbsteinschätzung bitte…

 

Vor sechs Jahren hätte man mich vor dem Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft nicht ansprechen können. Inzwischen bin ich viel gelassener geworden im Umgang mit Spielen und den Spielerinnen. Da habe ich aus meinen Erfahrungen gelernt. Ich versuche, vieles sachlicher und nüchterner zu sehen.

 

Kommen wir am Ende zu einem Frage-Antwort-Spiel. Bitte kurz antworten: Was war der schönste Moment in zehn Jahren BSV?

 

Der Gewinn des DHB-Pokals 2015 in Hamburg. Auf diesen Titel haben wir nach so vielen Vizemeisterschaften jahrelang hingearbeitet.

 

Was war das dramatischste Spiel?

 

Das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft 2011. Wir haben schon mit neun Toren geführt, und dann verpasst Josi Techert das Tor am Ende um wenige Zentimeter.

 

Mit welcher Spielerin sind Sie am besten zurechtgekommen?

 

Randy Bülau. Sie war lange Zeit mein verlängerter Arm auf dem Spielfeld. Randy hat Handball auch immer so gelebt wie ich.

 

Mit welcher Spielerin konnten Sie sich so richtig fetzen?

 

Es gibt einige Spielerinnen, die mich richtig auf die Palme gebracht haben. Aber dass ich mich richtig gefetzt habe, daran kann ich mich nicht erinnern.

 

Wie lange wollen Sie noch Trainer des BSV bleiben?

 

So lange, wie es mir Spaß macht, und so lange alle davon überzeugt sind, dass ich der richtige Mann für den Job bin.

 

 

Die Vorbereitung

 

Trainingsauftakt (11.7.), BSV – China (20.7., 18.30 Uhr, Halle Süd), Trainingslager in Hollenstedt (27.-29.7.), Turnier in Wittlich (3.-5.8.), VfL Oldenburg – BSV (11.8.), Trainingslager in Ringkøbing/Dänemark (14.-19.8.), BSV – Randers (23.8., Testspiel), BSV – Thüringer HC (25.8., Testspiel).

 

Der Spielplan

 

Bundesliga: Bensheim (H, 8.9.), Oldenburg (A, 16.9.), THC (A, 22.9.), Blomberg (H, 13.10.), Neckarsulm (A, 20.10.), Bietigheim (H, 27.10.), Dortmund (A, 10.11.), Halle-Neustadt (H, 18.11.), Göppingen (A, 27.12.), Leverkusen (H, 30.12.), Metzingen (A, 5.1.2019), Bad Wildungen (H, 19.1.), Nellingen (A, 2.2.), Bensheim (A, 16.2.), Oldenburg (H, 23.2.), THC (H, 2.3.), Blomberg (A, 9.3.), Neckarsulm (H, 17.3.), Bietigheim (A, 30.3.), Dortmund (H, 6.4.), Halle-Neustadt (A, 14.4.), Göppingen (H, 20.4.), Leverkusen (A, 28.4.), Metzingen (H, 4.5.), Bad Wildungen (A, 11.5.), Nellingen (H, 18.5.).

 

DHB-Pokal: 2. Runde (6./7.10.), Achtelfinale (3./4.11.), Viertelfinale (12./13.1.2019), Final Four (25./26.5. in Stuttgart).

 

EHF-Cup: 1. Runde (8./9.9. und 15./16.9.), 2. Runde (13./14.10. und 20./21.10.), 3. Runde (10./11.11. und 17./18.11.), Gruppenphase (5./6.1.2019 bis 9./10.2.), Viertelfinale (2./3.3. und 9./10.3.), Halbfinale (6./7.4. und 13./14.4.), Finale (4./5.5. und 11./12.5.).

 

Der Kader

 

Tor: Antje Peveling, Julia Gronemann, Lea Rühter.

Kreis: Christina Haurum, Isabell Kaiser.

Linksaußen: Lone Fischer, Melissa Luschnat.

Rückraum links: Jessica Oldenburg, Annika Lott.

Rückraum Mitte: Lisa Prior, Malene Staal, Paula Prior.

Rückraum rechts: Friederike Gubernatis, Isabelle Dölle.

Rechtsaußen: Maike Schirmer.

Erweiterter Kader: Cassandra Nanfack, Svea Geist, Tarja Pauschert.

 

Quelle: TAGEBLATT (Tim Scholz) vom 06.07.2018