Niederlage im Finale, aber: BSV feiert Silber wie Goldmedaille

Verlängerung, Siebenmeterwerfen, Shoot-out: Das Finale um die deutsche Meisterschaft der A-Jugend-Handballerinnen war an Dramatik kaum zu überbieten. Am Ende kassierte der Buxtehuder SV eine 30:31-Niederlage in der Halle Nord gegen Leverkusen.

 

Louisa Scheruhn wandelt auf Socken über das goldfarbene Konfetti. Vor wenigen Minuten noch regnete es auf die Spielerinnen aus Leverkusen nieder, jetzt klebt es auf dem Hallenboden. „Es ist super ärgerlich“, sagt Scheruhn. Zusammen mit ihrer Mannschaft hätte sie im Konfettiregen stehen können. Weil Scheruhn im Shoot-out des Siebenmeterwerfens an der Wade von Leverkusens Torhüterin scheiterte, baumelt nun die Silbermedaille um den Hals der Linksaußen.

 

Scheruhn weiß, dass es auch andersherum hätte laufen können, dass ein Siebenmeterwerfen ein reines Glückspiel sei. Aber trotzdem macht sie sich Vorwürfe ob der vergebenen Chance. „Ich wollte die Verantwortung übernehmen und diese nicht auf die jüngeren Spielerinnen in unserer Mannschaft schieben“, sagt Scheruhn. Also meldet sie sich, als Trainerin Heike Axmann und Betreuer Andreas Gubernatis fragen, wer denn an die Linie treten wolle. Und scheitert.

 

Mareike Thomaier wirft Leverkusen dann zur deutschen Meisterschaft und zerstört Buxtehudes Traum vom Titel-Hattrick. Scheruhn und ihre Mitspielerinnen wirken dennoch gefasst. Es fließen nach Spielende ein paar Tränen, die bei der Siegerehrung schon getrocknet sind. „Wir haben nicht Gold verloren, sondern Silber gewonnen“, sagt Axmann. Und Rückraumspielerin Aimée von Pereira, die ihr letztes Spiel für den BSV vor ihrem Wechsel nach Leverkusen bestritten hat, sagt: „Das war so ein krasses Spiel, da muss man sich über Silber freuen.“

 

Krass, weil der BSV eine beeindruckende Aufholjagd hinlegt. Leverkusen liegt zwölf Minuten vor dem Ende schon mit sechs Toren vorne. Ist von der Spielanlage her die bessere Mannschaft, stellt sich den Buxtehuderinnen mit einer beweglichen und aggressiven Abwehr in den Weg und trifft vorne mit Präzision und Gewalt. Dann aber, in der 49. Minute, nimmt Axmann eine Auszeit und scheint damit etwas zu bewirken.

 

Der BSV trifft und trifft, vor allem Cassandra Nanfack. Emily Theis holt zwei Siebenmeter heraus. Torhüterin Katharina Filter pariert einige Bälle. Der Rückstand schrumpft. Die Spielerinnen animieren die Zuschauer, aufzustehen und noch mehr Lärm zu machen. Und plötzlich, wenige Sekunden vor dem Ende, führt der BSV zum ersten Mal im Finale. „Da ist ein Energieschub durch die Mannschaft gegangen“, sagt Scheruhn. „Wir haben uns auf einmal im Angriff mehr bewegt, und dann sind Lücken entstanden.“

 

Annika Lott, die in der neuen Saison beim BSV spielt, setzt mit ihrem Treffer zum 22:22 den Schlusspunkt in der regulären Spielzeit, bevor die Verlängerung von zwei Mal fünf Minuten beginnt. 23:23 heißt es nach der ersten Hälfte, 25:25 nach der zweiten Hälfte. 70 Minuten Handball liegen da hinter beiden Mannschaften, und das im Klima der schwül-warmen Halle Nord, und das vor dem Siebenmeterwerfen. Fünf Schützinnen treten pro Mannschaft an. 28:28 steht es, jeweils zwei Spielerinnen sind vom Punkt gescheitert. Somit kommt es zum Shoot-out und im dritten Durchgang zur Entscheidung.

 

„Es ist große Klasse, dass wir es so weit geschafft haben“, sagt Katharina Filter, die wie beim souveränen Halbfinalerfolg gegen Borussia Dortmund eine starke Leistung ablieferte und nach dem Spiel als beste Torhüterin des Turniers ausgezeichnet wurde. „Das zeigt, dass sich die ganze Arbeit lohnt“, sagt Filter. Dass U 20-Bundestrainerin Marielle Bohm sie wohl nicht zur WM mitnehmen wird (siehe Interview rechts), sei enttäuschend, sagt Filter. „Ich bin mit dieser Entscheidung nicht zufrieden.“ Am Abend suchte Filter noch das Gespräch mit Bohm.

 

Bohm gehörte am Wochenende einer dreiköpfigen DHB-Delegation an, die die besten Spielerinnen wählte. Neben Filter waren das die Blombergerin Munia Smits als erfolgreichste Torschützin und die Buxtehuderin Cassandra Nanfack als beste Spielerin der Finalrunde. „Das ist eine große Ehre für mich. Ich hoffe, dass der DHB endlich sieht, was ich kann.“ Die Rückraumrechte war offensiv wie defensiv eine der Stützen beim BSV. Im Siebenmeterwerfen behielt sie die Nerven und traf beide Male.

 

Gibt es denn überhaupt keine Enttäuschung? Heike Axmann schüttelt entschlossen mit dem Kopf. „Es war schon eine Riesenüberraschung, dass wir so weit gekommen sind.“ Und dann liefere ihr Team noch ein „Wahnsinnsspiel“ ab. „Mehr ging nicht.“

 

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Das Final Four in Zahlen

 

6 Buxtehude und Leverkusen haben die Jugendbundesliga in den vergangenen sechs Jahren dominiert. Leverkusen holte den Titel 2013 bis 2015 und 2018. Der BSV war 2016 und 2017 erfolgreich.

 

19 Munia Smits von der HSG Blomberg-Lippe war die beste Torschützin der Finalrunde. Im Halbfinale gegen Leverkusen traf die Schwester von Nationalspielerin Xenia Smits vier Mal, im Spiel um Platz drei gegen Dortmund 15 Mal.

 

450 Liter Wasser haben die Spielerinnen der vier Mannschaften am Final-Four-Wochenende getrunken. Der BSV als Ausrichter stellte den Teams insgesamt 30 große Kästen zur Verfügung.

 

600Bratwürste hat der BSV-Fanclub „Has’ und Igel“ vor der Halle verkauft.

 

1.731 Zuschauer verfolgten die vier Spiele an beiden Tagen in der Halle Nord. Am Sonntag kamen knapp 1000 Menschen.

 

Nach dem Finale ist vor dem Abi

 

Für Annika Lott (18) war der Gewinn der deutschen Meisterschaft der krönende Abschluss ihrer Zeit im Jugendbereich von Bayer Leverkusen. Zur neuen Saison wechselt die in Henstedt-Ulzburg geborene Rückraumspielerin zum Buxtehuder SV. „Dass wir den Titel ausgerechnet in Buxtehude gewonnen haben, spielt keine Rolle“, sagt Lott. Im Endspiel erzielte sie acht Tore, und scheiterte einige Male an ihrer U 20-Nationalmannschaftskollegin Katharina Filter. Zehn Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit ging Lott mit einem Krampf zu Boden, biss danach aber auf die Zähne. Doch so richtig feiern konnte sie nicht, denn am heutigen Montag steht schon die mündliche Abiturprüfung in Geschichte an. Beim BSV hat Lott einen Zwei-Jahres-Vertrag unterschrieben. In Hamburg wird sie ein Jura-Studium aufnehmen.

 

Drei Fragen an…

 

Marielle Bohm, U 20-Nationaltrainerin

 

Frau Bohm, was denken Sie über dieses dramatische Finale?

Das Spiel war nicht immer hochklassig. Beeindruckend war aber, dass sich beide Mannschaften nichts gegeben haben und in der Verlängerung immer noch hohes Tempo gegangen sind. Und beim Siebenmeterwerfen gibt es halt immer einen glücklichen Gewinner. Generell finde ich aber, dass das Final Four eine tolle Plattform für die Talente ist, sich zwei Tage lang auf hohem Niveau mit den Besten zu messen. So viele Möglichkeiten gibt es ja nicht.

 

Sind Sie mit der Jugendarbeit in Buxtehude zufrieden?

Ja. Ich finde, dass in Buxtehude seit Jahren tolle Nachwuchsarbeit geleistet wird und sie immer wieder interessante Talente hervorbringen. Die Ergebnisse in der Jugendbundesliga sprechen für sich. Das haben wir heute gesehen: Der BSV hat eine unglaubliche Leidenschaft an den Tag gelegt. Hier brennt jeder für diesen Sport.

 

Es heißt, dass die Buxtehuderin Katharina Filter die beste deutsche Torhüterin ihres Jahrgangs sei. Können Sie das unterschreiben?

Absolut. In ihrem Jahrgang kommt keine andere Torhüterin an ihr vorbei. Im Juniorinnenbereich (U 20, Anm. d. Red.) hat sie mit Lea Rühter und Sarah Wachter zwei ältere und ganz starke Torhüterinnen vor sich, die ich voraussichtlich zur WM mitnehmen werde. Das soll Kathis Leistung beim Final Four aber keinesfalls schmälern.

 

Quelle: TAGEBLATT (Tim Scholz) vom 04.06.2018, Foto: Jan-Iso Jürgens.