Martin Kind und der Kampf um die 50+1-Regel

BUXTEHUDE. Martin Kind ist einer der streitbarsten Männer des deutschen Fußballs. Der Präsident von Hannover 96 möchte den Verein trotz der 50+1-Regel übernehmen. Das machte er beim Sponsorenabend des Handball-Bundesligisten Buxtehuder SV deutlich.

 

Martin Kind nippt an seiner Cola. Um ihn herum sitzen Menschen, die sich mit Flyern Luft ins Gesicht fächern. Es ist bullig warm im Opel-Autohaus am Brillenburgsweg, in dem gleich einer der streitbarsten Männer des deutschen Fußballs die provisorische Bühne betritt und zwischen einem SUV, verwaisten Schreibtischen und mannshohen Has- und Igelfiguren sitzen wird. Noch aber hat BSV-Manager Peter Prior das Wort. Er interviewt einige Spielerinnen, appelliert an die versammelte Sponsorenschaft, rund 120 Menschen: Lassen Sie nicht nach!

 

Es ist ein Abend, an dem der BSV seinen Geldgebern dankt, ihnen etwas bieten will. In diesem Jahr hat der Verein Martin Kind nach Buxtehude gelockt, genauer gesagt Andreas Möcker, einst Hotelmanager in Buxtehude, jetzt Direktor in Kinds Hotel in Großburgwedel. Und so betritt Kind, ein hagerer Mann mit sonnengegerbter Haut, die Bühne bei seinem ersten Buxtehude-Besuch. Ein dankbarer Gesprächspartner für Moderator Thorsten Sundermann, dem scheidenden Marketingleiter beim BSV. Nicht nur, weil Kind, der Hannover-96-Präsident und Hörgeräte-Unternehmer, in dieses Umfeld passt, Kind gibt auch gleich zu verstehen, dass er es liebt, zu diskutieren, zu streiten. Vor allem über die 50+1-Regel.

 

50+1, diese Regel soll den Fußballvereinen die Stimmenmehrheit an den ausgelagerten Profifußballabteilungen sichern, als eine Art Schutz vor skrupellosen Investoren. Kind ist ein vehementer Gegner; kürzlich erst aktivierte er wieder seinen Antrag, mit einer kleinen Investorengruppe die Mehrheit bei Hannover 96 übernehmen zu wollen. Bei „96“ knallt es gewaltig, Fans boykottieren die Stimmung. Aus den Vorstandsetagen anderer Clubs gibt es heftigen Gegenwind. Andreas Rettig, Geschäftsführer des FC St. Pauli und für seine klaren Worte bekannt, spricht sich für den bedingungslosen Erhalt der 50+1-Regel aus. DFL-Chef Christian Seifert forderte eine Grundsatzdebatte, schließlich stehe die Wettbewerbsfähigkeit der Bundesliga auf dem Spiel.

 

Endspiele ohne deutsche Teams

 

Zu dem Thema passt, dass Kind am Sonnabend das Champions-League-Finale im Stadion in Kiew gesehen hat. „Ein tolles Spiel von beiden Mannschaften“, sagt er. Real Madrid und Liverpool hätten einen Fußball geboten, den man aus der Bundesliga – mit Ausnahme der Bayern – nicht kenne. Kind befürchtet, dass es bald keine Königsklassen-Endspiele mit deutscher Beteiligung mehr geben werde. Der Fußball in England, Spanien, Italien und Frankreich entwickele sich schneller weiter, während die Bundesliga stagniere, sagt Kind. „Hannover 96 und andere Vereine haben keine Chance, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.“ Eine Reform der 50+1-Regel sei unumgänglich.

 

Womit Kind schon bei der Frage nach dem richtigen Investor ist. „Selbst kleine Vereine können Investoren finden, die sich dort preiswert präsentieren können.“ Das Management müsse aber sehr genau überlegen, welcher Finanzier zum Verein passe, um die gesetzten Ziele zu erreichen, und das nachhaltig. Die Posse um 1860 München und Investor Hasan Ismaik nimmt Kind als Negativbeispiel.

 

Draußen qualmt bereits der Grill. Rauchschwaden ziehen an der Fensterfront des Autohauses vorbei. Drinnen streift Dieter Schatzschneider, früherer 96-Profi, heute Scout und Vertrauter Martin Kinds, durch den Verkaufsraum. Kellnerinnen reichen frisches Pils an die Tische, während vorne Martin Kind über 50+1 monologisiert. Er sagt, dass sie sich bei Hannover 96 nicht dem ganzen Markt öffnen wollten. „Wir haben eine Gruppe mit Gesellschaftern aus der Region gegründet, wegen der hohen Identifikation.“ Kind macht deutlich, dass der Club mehr Kapital brauche, um auf Dauer konkurrenzfähig zu bleiben. Ansonsten drohe dem Aufsteiger, der die zurückliegende Saison auf Platz 13 beendet hat, bald der erneute Abstieg.

 

14 Stunden am Tag im Einsatz

 

Kind sorgt sich um seinen HSV, den Hannoverschen Sportverein, bekannt als Hannover 96. Für den Club arbeite er genauso viel wie für sein Unternehmen „Kind Hörgeräte“, das er 1970 von seinem Vater übernommen hat, und zwar 14 Stunden am Tag. Heute ist Kind Chef von mehr als 3000 Menschen. 1997 wurde er Präsident bei Hannover 96 und startete einen Neuaufbau. Kind führte den Verein aus der Regionalliga wieder in die Bundesliga. 15 Jahre erste Liga stehen inzwischen zu Buche, außerdem der Bau des Stadions und des Nachwuchsleistungszentrums. Dem 74-Jährigen haben sie in Hannover viel zu verdanken.

 

Kind ist der Meinung, dass der heutige Fußball ein Unterhaltungsevent sei, „ein hochattraktives Produkt“. Volle Stadien, darunter immer mehr Frauen, keine gesellschaftlichen Barrieren. „Dieser Prozess ist nicht mehr zu stoppen“, sagt Kind. Die „Hardcore-Fans“ müssten auf diesem längst vorgezeichneten Weg der Veränderung mitgenommen werden. Wer das nicht wolle, müsse sich dem Fußball in vierter oder fünfter Liga zuwenden. Dass Fans die Stadien als Plattform des Protests nutzen, sagt Kind, müsse verhindert werden.

 

Nach 40 Minuten wechselt Moderator Thorsten Sundermann das Thema. Es geht um den Hamburger SV. Kind weiß aus eigener Erfahrung, was ein Abstieg bedeutet: „Sportlich und wirtschaftlich war es eine Katastrophe.“ Hannover 96 verlor nach dem Abstieg vor zwei Jahren reihenweise Leistungsträger, der Etat sank von 85 auf 42 Millionen Euro. „Der Wiederaufstieg muss beim HSV das klare Ziel sein“, sagt Kind. Er wünscht sich, dass die Hamburger schnell zurückkehren, und dennoch kann er sich einen Seitenhieb nicht verkneifen: „In Hannover spielt jetzt der große HSV, in Hamburg der kleine HSV.“

 

Sein Herz schlägt für 96

 

Während Martin Kind auf der Bühne saß, streifte Dieter Schatzschneider im Verkaufsraum des Autohauses umher. Schatzschneider (60) ist inzwischen Scout und Markenbotschafter bei Hannover 96 und ein enger Vertrauter von Präsident Martin Kind. Ein Job, der ihm Spaß macht: „Ich bin 96er mit Herz und Seele“, sagt Schatzschneider. In seiner aktiven Zeit spielte er unter anderem für den HSV, Schalke 04 und Fortuna Köln. Den Großteil seiner Karriere verbrachte Schatzschneider aber bei Hannover 96. Für den Club schoss er insgesamt 134 Tore in 178 Spielen. Mit 154 Toren führt er heute noch die ewige Torschützenliste der zweiten Liga an. Hin und wieder ist Schatzschneider Gast bei den Spielen der Handball-Männer von Hannover-Burgdorf. Er gibt aber zu verstehen: „Fußball ist meine Welt.“

 

Dieter Schatzschneider.

 

Die Dekade mit Lone Fischer

 

Manager Peter Prior nutzte den Sponsorenabend, um einige Spielerinnen vor dem Talk mit Martin Kind zu würdigen. Etwa Lone Fischer (29). Die Ex-Nationalspielerin hat gerade ihre zehnte Saison im BSV-Trikot beendet, sie ist damit die dienstälteste Spielerin der Mannschaft. Exakt 247 Siebenmeter, sagt Prior, hat Fischer in der Dekade verwandelt, womit sie Rekordhalterin beim BSV ist zusammen mit Aleksandra Pawelska. „Es war immer mein Traum, eine gestandene Bundesligaspielerin zu werden“, sagt Fischer. 2008 war sie vom Drittligisten TSV Owschlag zum BSV gewechselt. Ein großer Sprung. Die Trainings wurden härter, das Niveau höher. „In den ersten beiden Jahren hat meine Mutter immer gesagt, dass es nicht schlimm sei, wenn es nicht klappt.“ Unter Trainer Dirk Leun und „mit ein bisschen Ehrgeiz“ entwickelte sich die Linksaußen zur Stamm- und Nationalspielerin und prägte die erfolgreichste Phase der Vereinsgeschichte mit, darunter der Gewinn des Challenge-Cups, zwei DHB-Pokalsiege und drei Vizemeisterschaften. In der abgelaufenen Saison zählte Fischer zu den formstärksten Spielerinnen beim BSV. Mit 140 Toren (Prior) war sie die beste Torschützin des BSV.

 

Lone Fischer.

 

Angebote aus dem In- und Ausland habe es hin und wieder gegeben, sagt Fischer. Aber in Buxtehude konnte sie Europapokal, auch Champions League, spielen, und dort hatte sie sich einen Freundeskreis aufgebaut. „Ich war immer glücklich in Buxtehude. Es gab keinen Grund wegzugehen.“ In diesem Jahr erklärte Fischer nach 48 Länderspielen und drei großen Turnieren ihren Rücktritt aus der Nationalmannschaft, um mehr Zeit für sich, Freunde und Familie zu haben. „Ich und mein Körper freuen sich auch mal über ein freies Wochenende“, sagt Fischer. Zurzeit schreibt sie ihre Master-Arbeit in Sportwissenschaften an der Uni Hamburg. Ihr Vertrag beim BSV läuft bis 2019.

 

Quelle: TAGEBLATT (Tim Scholz) vom 30. Mai 2018, Foto: Hans Kall.