Jessica Oldenburg trifft Sekunden vor Schluss zum Sieg

Unglaubliche Dramatik: Buxtehuder SV siegt ohne fünf Stammspielerinnen gegen den HC Leipzig

Buxtehude. Wahnsinn: Noch zehn Sekunden zeigt die Uhr: 25:25 steht auf der Anzeigentafel, ein Ergebnis, das alle Beteiligten zufriedenstellen würde. Alle? Nein, eine 21-Jährige denkt gar nicht daran, den Ball und damit das Ergebnis zu halten. Sie denkt an überhaupt nichts, als sie die klebrige Lederkugel annimmt und vier Sekunden vor Schluss den rechten Arm mit Ball nach hinten dehnt, um dann mit voller Wucht die Kugel zu werfen. Drin.

26:25, ein Siegtreffer für die Historie, denn ohne fünf Stammkräfte hat der BSV einmal mehr Leipzig besiegt – mit einer Jessica Oldenburg, die sich selbst zum Star des Nachmittags geworfen hat.

„Unheimlich“, „unfassbar“, „großartig“, „sensationell“ – das sind einige der Kommentare, die nach diesem denkwürdigen Spiel zu hören waren. „Unheimlich“ – das trifft die Situation am besten, denn eigentlich war dieses Spiel für den BSV nicht zu gewinnen. Das Problem des Nachmittags saß neben der Auswechselbank: Spielmacherin Randy Bülau, Rückraumgranate Josephine Techert, die Flügelflitzerinnen Katja Langkeit und Friederike Lütz und die holländische Allroundwaffe Diane Lamein – alle Stammkräfte, alle Nationalspielerinnen, die an diesem Nachmittag ein Schicksal eint: alle verletzt. Auf dem Parkett eine Mannschaft mit der angeschlagenen Stefanie Melbeck und Isabell Klein, die nach fünfmonatiger Pause erst ihr zweites Spiel in vier Tagen bestreitet. Auf der Bank mit Jessica Oldenburg nur eine vermeintlich bundesligataugliche Akteurin, denn neben ihr sitzen Janne Wode, die noch viermonatiger Pause reaktiviert wird, Isabell Kaiser, eine Spielerin aus dem Perspektivkader und Sarah Lamp, die nicht einmal im Mannschaftskader des Hallenheftes erwähnt ist.

Dagegen steht der HC Leipzig, der vier Tage zuvor den Meister aus Thüringen besiegt hat und mit viel Selbstvertrauen angereist ist. Das Spiel nimmt den erwarteten Verlauf zweier Teams, die ihre Stärken vor allem in der Defensive haben. Buxtehude überrascht mit einer offensiven Deckung, was dem HCL gar nicht behagt. Die anfängliche Leipziger Führung ist nach sieben Minuten dahin, nach 16 Minuten wirft Stefanie Melbeck das 7:4, was die verletzte Randy Bülau auf den Plan ruft: „Leinen los, volle Fahrt“ singt sie, als aus den Hallenboxen der Hit von „Santiano“ trällert. „So weit die See und der Wind uns trägt…“.

Von wegen, die volle Fahrt nimmt jetzt das Sachsen-Boot auf, das nach drei Minuten mit vollen Segeln den Ausgleich und kurz danach die Führung erzielt hat. Was zu diesem Zeitpunkt niemand ahnt: Karolina Kudlacz, Leipzigs sturmerprobte Spielmacherin, muss schon früh die Segel streichen, denn ihre Verletzung stellt sich später als Mittelfußbruch heraus.

Zur Halbzeit steht es leistungsgerecht 12:12. Die 1600 Zuschauer können bis dahin zufrieden sein, sie haben ihr Eintrittsgeld lohnend in ein unterhaltsames Spiel investiert. Dass dem BSV die Kräfte im Wind schwinden könnten, ist die allseits gehörte Befürchtung im Hallenrund.

Und die Experten sollten Recht behalten, denn nach 42 Minuten führt Leipzig mit 20:16, was die Stimmung an Bord merklich trübt. „Die Tränen sind salzig und tief wie das Meer“, singen die Jungs von „Santiano“. Noch 18 Minuten. Eine Niederlage mit dieser dezimierten Truppe ist keine Schande. Der BSV hat alles versucht, es hat nicht gereicht.

Doch, Moment – das wäre die Schlussfolgerung ohne Jessica Oldenburg gewesen. Mit ihr sieht der Spielfilm anders aus. Erst ihr frecher Hüftwurf zum 17:20, dann ihre Granate zum 18:20. Als Stefanie Melbeck das 19:20 wirft, beginnt die volle Fahrt wieder. „Leinen los“ ruft Kapitän Dirk Leun und schickt eine neue „Steuerfrau“ an Deck: Sarah Lamp. Eine unglaubliche Entscheidung, bei einem Ein-Tore-Rückstand in der 48. Minute gegen Leipzig eine Junioren-Spielerin auf der Spielmacherposition zu bringen. Und was macht die? Erst gibt sie den Pass zum Ausgleich durch Stefanie Melbeck und vier Minuten später trifft sie zur Führung.

„So weit die See und der Wind uns trägt“ – jetzt beginnt das Spektakel erst richtig. Jede BSV-Führung wird von Leipzig sofort egalisiert. 24:24 steht es zwei Minuten vor Schluss, als Jessica Oldenburg trifft. Wieder die Führung, dann wieder der Ausgleich durch Saskia Lang. 25:25.

Kapitän Leun nimmt 43 Sekunden vor Schluss die Auszeit. Besatzung und Segel werden noch einmal justiert. Anpfiff, Ballhalten, die Schiris heben die Hände. Zeitspiel droht. Noch drei Sekunden. Jessica Oldenburg bekommt den Ball…

„Santiano“ sollte den Schlusssatz schreiben: „Mein Seemannsherz brennt lichterloh“.

Im TAGEBLATT-TV sehen Sie den Beitrag zum Spiel.

TAGEBLATT vom 15.10.2012