“Es geht voran, mit acht km/h” – Isabell Kleins Tagebuch, Teil 3

Isabell Klein, Spielführerin der deutschen Frauen-Nationalmannschaft und des Buxtehuder SV, wird nach ihrer Kreuzband-Operation extra für das Portal „handball-queen.de“ in einer monatlichen Serie darüber berichten und Eindrücke gewähren, wie ihr Weg aus der Rehabilitation zurück aufs Spielfeld verläuft. In einer Kooperation werden diese Inhalte auch auf handball-world.com veröffentlicht. Im dritten Teil kann “Isi” über weitere Fortschritte berichten.

Liebe Leser,

schon wieder ist ein Monat rum. Es ist nicht zu fassen, wie schnell das geht. Ich bin vor etwas mehr als drei Monaten operiert worden, konnte sechs Wochen gar nichts machen – und jetzt bin ich schon wieder völlig alltagstauglich. Es gibt Momente, in denen ich überhaupt nicht mehr merke, dass mit dem Knie etwas nicht stimmt. Spazierengehen, Treppensteigen, Auto fahren – das alles geht, ohne, dass ich dabei denke: „Sei bloß vorsichtig, denk an dein Knie.“

Es gibt aber auch Momente, wo ich schon noch spüre, dass es noch kein ‚normales’ Knie ist. Doch die Ärzte sind mit dem Heilungsverlauf (trotzdem) sehr zufrieden. Unser Mannschaftsarzt ist zufrieden, dass Kreuzband sitzt „bombenfest“, wie er es ausdrückt. Auch der Mensikus ist gut verheilt. Ich kann jetzt schon wieder relativ viel belasten, sogar ganz vorsichtige Kniebeugen sind schon drin. Auch die ersten Laufversuche auf dem Laufband durfte ich inzwischen unternehmen, die ersten paar Minuten wieder laufen. Zwar (nur) bei acht km/h, aber immerhin.

Doch trotzdem merke ich beim Training immer wieder, dass die Muskulatur noch fehlt. So auch beim Laufband, das war eine „neue“ Belastung und sehr anstrengend. Da hat das Knie ja drauf reagiert und ist bisschen warm geworden; deshalb mach ich das noch nicht viel. Und Quarkwickel kommen dann drauf 😉 Deshalb verändert sich an meinem Reha-Plan auch noch nichts. Ich mache immer noch viel für den Muskelaufbau, die Stabilität und die Koordination. Mein Arzt sagte letztens spaßeshalber, von der reinen Stabilität her könne ich, wenn jetzt eine WM wäre, teilnehmen… Doch es fehlt (natürlich) noch die Muskulatur. Wenn ich mit links abspringen würde, käme ich wahrscheinlich nur drei Zentimeter hoch.

Neben dem Reha-Training mache ich Aqua-Jogging (eine super Alternative!) und viel Fahrradfahren. Auf dem Rad bin ich jetzt auch schon längere Strecken unterwegs, um wieder etwas für meine Kondition zu tun – die nicht (mehr) vorhandene Ausdauer wieder aufbauen… Außerdem hat mich eine Physiotherapeutin auf facebook angeschrieben und mir drei, vier Links geschickt, mit Übungen einer wissenschaftlichen Studie aus den USA. Ein paar der Übungen habe ich auch schon ausprobiert, die sind gut.

Wir waren jetzt gerade acht Tage im Urlaub, in Kroatien. Dabei haben wir unseren Urlaubsort danach ausgesucht, dass es dort ein Fitnessstudio gibt. Jeden Morgen zwei Stunden trainieren und dann mit dem Frühstück in den Tag starten. Die ersten Tage habe ich alleine trainierte, weil Dominik sich erholt hat. Seine Saison ging ja noch bis Mitte Juni. Doch irgendwann hat er dann mitgemacht.

Im August darf ich dann endlich wieder draußen laufen gehen. Darauf freue ich mich. Ich bin ein Läufertyp, auch, als ich noch Handballspielen konnte, war ich immer gerne unterwegs – gerade, wenn mal „frei“ im Trainingsplan stand. Einfach den Kopf freikriegen. Die Lust auf den Handball hält sich hingegen noch in Grenzen. Ich merke einfach, dass ich trotz aller Fortschritte noch nicht wieder ganz fit bin. Die Kraft zum Sprinten und zum Abspringen fehlt noch. Deswegen konzentriere ich mich auf mein Reha-Training und auf das Laufen ab August – und wenn dann die Kraft wieder da ist, kommt die Lust auf den Ball von selbst.

Wenn ich auf die letzten drei Monate zurückblicke, stelle ich fest, wie wichtig die Geduld für den Heilungsprozess ist. Die Muskeln wachsen nun mal einfach nicht so schnell, wie man es gerne hätte. Auch die sechs Wochen mit der Schiene und die Zeit auf Krücken musste ich geduldig ertragen. Und jetzt arbeite ich geduldig an Stabilität und Kraft. Nur nichts überstürzen. Denn neben Geduld habe ich auch gelernt, wie wichtig die Stabilisation in allen Bereichen ist. Nicht nur im Knie, auch im Rücken, Armen oder Rumpf.

Der Körper baut, wenn man nicht viel macht, alle Muskeln ab – die möchte ich natürlich so schnell wie möglich wieder aufbauen. Aufgrund der Meniskus-Schiene konnte ich sechs Wochen nichts machen, dabei sollte man eigentlich so früh wie möglich wieder anfangen. Aber für mich war auch dieser Weg völlig okay – so konnte ich sechs Wochen abschalten, Pause machen und dann Vollgas geben. Zumal ich mit der Schiene auch keine Lust hatte, mich zu bewegen.

In den ersten sechs Wochen nach der OP hatte ich deshalb auch mehr Zeit für andere Dinge. Ich bin zwar nicht so der Fernsehtyp, aber gelesen habe ich viel. Thriller, besonders die aus Skandinavien, aber zum Abschalten auch Frauenromane. Leichte Kost und Unterhaltung. Jetzt mit Reha und Arbeit habe ich dafür nicht mehr so viel Zeit. Das ist eigentlich ein bisschen schade. Was mir hingegen nicht fehlt, sind die Anti-Thrombose-Spritzen. Die musste ich mir jeden Tag selbst spritzen. Sich eine Nadel in den Bauch zu rammen, ist irgendwie nicht meins. Auch wenn es nicht wehtat, war es jedes Mal wieder eine Überwindung. Als ich vor dem Urlaub noch zwei Spritzen im Kulturbeutel gefunden habe, war ich froh, sie einfach weglegen zu können.

Ihr seht also, es geht voran. Am 16. Juli beginnt in Buxtehude die Saisonvorbereitung. Die Mannschaft hat mir während den ersten Wochen meiner Verletzung, die ja zugleich die entscheidenden Wochen im Kampf um die Meisterschaft waren, immer das Gefühl gegeben, dazu zu gehören und mich tatkräftig unterstützt. Anfang Juni waren wir jetzt mit dem ganzen Team auf Mallorca, zur Saisonabschlussfahrt. Wir hatten viel Spaß und haben nebenbei noch etwas für das Teamgefüge getan …

Die verlorene Meisterschaft hat die Mannschaft inzwischen gut verarbeitet. Vielleicht sollte es einfach nicht sein, vielleicht war es Schicksal. Natürlich haben wir es uns erarbeitet, dass wir dort oben standen und hätten es deshalb vielleicht auch verdient gehabt – aber so ist nun einmal der Sport: Es gewinnt der, der am Ende ein Tor mehr hat. Die meisten genießen jetzt einfach die Pause, über die nächste Saison machen wir uns noch keine Gedanken. Klar wollen wir uns oben etablieren, doch Titel zu gewinnen, nehmen wir uns erst einmal nicht vor. Das hängt immer von so vielen Faktoren ab, mal entscheidet nur ein Quäntchen Glück… Wir wollen auf uns gucken und zeigen, dass wir nach wie vor zu den besten Mannschaften in Deutschland gehören.

Doch das ist noch Zukunftsmusik. Jetzt habe ich erst einmal noch ein paar Tage Urlaub, die ich in München verbringen werde. Außerdem freue ich mich wirklich arg darauf, in vier Wochen wieder draußen laufen zu dürfen. Was das für ein Gefühl war, erzähle ich euch vielleicht schon in der nächsten Ausgabe meines Tagebuchs … In diesem Sinne wünsche ich euch viel Spaß für eure Saisonvorbereitung – und bleibt auch dabei positiv!

Eure Isi

Quelle: www.handball-queen.de