“Die Chefvisite”: Der Handball-Manager mit seiner Parallelwelt im Ostblock

Wie lange er wöchentlich als Manager der Handball-Frauen für den BSV arbeitet, weiß er selbst nicht. 50 Stunden sind es immer. Aber was die Öffentlichkeit nicht weiß, ist seine zweite Karriere. Ohne Peter Prior würde es vermutlich so manche Zeitung in Ost-Europa nicht mehr geben.

 

Der Blick auf den Schreibtisch des Handball-Managers zeigt ein relativ unspektakuläres Bild: Da liegt nichts, was überrascht, ein Termin-Timer der alten Schule, zwei Stapel mit aktuellen Vorgängen und ein Handballheft. Dass der Chef an einem Allerweltsschreibtisch im kleinen Großraumbüro mit seinen zwei bis drei Angestellten sitzt, ist auch nicht verwunderlich. Statussymbole sind ihm fremd. Sportjacke, Jeans, Turnschuhe. Das Leben des Peter Prior ist Handball. Er selbst war einst Hamburger Meister, seine Frau Spielführerin bei den BSV-Damen, seine beiden Kinder Lisa und Paula spielen Bundesliga, Tochter Sine schaffte es in die Regionalliga und Sohn Finn spielte in der ersten Herrenmannschaft des BSV. Ob es einen Tag ohne Handball im Leben der Priors gibt? Da muss der 60-Jährige lange überlegen, um eine Antwort zu formulieren, von deren Wahrheitsgehalt er selbst nicht überzeugt ist. „Das kommt schon mal vor“, sagt er schmunzelnd. Gemeint ist: nein. Natürlich nicht. Urlaub? „Oh ja“, sagt er, aus der einen Woche in seinem bisherigen Leben seien es im vergangenen Jahr doch fast drei Wochen gewesen. Die Priors sieben Tage auf Flusskreuzfahrt von Prag nach Potsdam. Wer Prior kennt, kann die Exklusivität dieses Vergnügens nur erahnen. Aber natürlich hatte er den Laptop dabei. Macht ja auch Spaß im Urlaub zu arbeiten.

 

Das passt in das öffentliche Gesicht des Peter Prior, der, wenn es um seinen Handball geht, oft eine Spur zu verbissen agiert, vor allem dann, wenn die Mitmenschen nicht begreifen, wie wichtig doch der Handball für Buxtehude ist. Verständlich für einen, der schon als Schüler an der Halepaghenschule 1976 als Abteilungsleiter Handball im BSV-Vorstand saß und dieses Amt mit nur wenigen Jahren Unterbrechung immer noch ausübt, ehrenamtlich und vermutlich auf Lebenszeit. Das alles neben der Geschäftsführung der Handball-Marketing, einem letztlich wenig beneidenswerten Job, weil immer Geld im Etat fehlt und Prior immer auf der Suche nach Sponsoren ist. Ein Manager als Bittsteller. Das ist die eine Seite dieser Medaille, auf der anderen stehen die sportlichen Erfolge der Frauen-Mannschaft: zwei Mal deutscher Pokalsieger, drei Mal Vize-Meister, Europacup-Sieger unter seiner Regie. Doch wenn Peter Prior die Erfolge aufzählen würde, stünden ganz oben drei Titel, die in der Öffentlichkeit eher untergegangen sind: Die B-Jugend wurde 2014 deutscher Meister, die A-Jugend gewann den Titel 2016 und 2017 und ist auch heute wieder auf einem guten Weg. Am vergangenen Sonnabend wurde der Einzug ins Halbfinale nur durch das marode Dach in der Halle des Schulzentrums Nord gestoppt. Was Prior über diese Peinlichkeit in der Sportstadt Buxtehude denkt, sagt er nicht wirklich. Diplomatie hat er gelernt, er braucht die Stadt-Oberen für die Sanierung. Dass er einen Neubau auf dem bestehenden Standort für besser hält, ist kein Geheimnis.

 

Zugegeben, das ist alles nichts Neues zur Person dieses Handball-Enthusiasten. Aber Peter Prior hat auch ein anderes Gesicht, der Mann kann nicht nur verbissen, sondern auch erfrischend lässig sein, schlagfertig, schelmisch, als ein amüsanter Anekdotenerzähler. Aber alles zu seiner Zeit.

 

„Know-how-Transfer“ in den ehemaligen Ostblock

 

Und zu erzählen hat Peter Prior viel, denn seit 1994 ist er als Berater von Boulevard-Zeitungen im ehemaligen Ostblock unterwegs. Fangen wir gleich mit den spektakulärsten Zahlen an: In Prag etwa stieg die Tages-Auflage von „BLESK“ in zehn Jahren von 150 000 Exemplaren (1996) in der Spitze auf über 550 000 (2005). Oder „Libertatea“ in Rumänien. Vor Prior unter 30 000 Auflage (1998), mit Prior knapp 300 000 täglich verkauften Zeitungen (2006). Typen, die das schaffen, lassen sich üblicherweise in der Branche feiern. Zumal das keine Einzelfälle sind, denn in nunmehr bald 25 Jahren hat Prior seine Spuren in Tschechien, Ungarn, Rumänien, Slowakei, Serbien und Polen hinterlassen. Meist nach dem gleichen Schema: Angeheuert vom Schweizer Medienkonzern Ringier (heute im Joint Venture mit dem Axel Springer-Verlag), der in den ehemaligen Ostblock-Ländern nach der Wende Anfang der 1990er Jahre zahlreiche Zeitungen gründete beziehungsweise übernahm, die westlichen Standards nicht genügten. Als Berater der Chefredaktionen kam Peter Prior ins Spiel, ließ sich von den Dolmetschern die Schlagzeilen und wesentlichen Artikel übersetzen, gab Tipps für Verbesserungen, ohne aber direkt in das operative Geschäft einzugreifen. „Know-how-Transfer“, nennt Prior seinen Job. Zwei Beispiele aus den ersten Tagen dieser Tätigkeit: „Niemals wird ein Tscheche eine Zeitung wegen einer Schlagzeile kaufen“, sagten ihm die Kollegen in Prag. Prior wettete dagegen, ließ markante Boulevard-Schlagzeilen machen und gewann alle Wetten. Wer tiefere Einblicke haben will: „Warum schreibt ihr nicht über Prominente?“, wollte Prior zu Beginn wissen. „Weil wir keine Prominenten haben“, entgegneten die Prager Zeitungsmacher, die aber damals ständig die deutsche Claudia Schiffer im Blatt hatten. „Aber was ist mit Eva Herzigová?“, wollte Prior wissen, dem tschechischen Supermodel. „Die kennt hier keiner, die ist nur im Ausland aktiv“, war die Erklärung. Monate später kannte jeder Prager auch Eva Herzigová – dank BLESK.

 

Woher Prior sein Wissen hat? Prior hat Journalismus von der Pike auf gelernt, nie studiert, sondern gleich nach dem Abitur beim TAGEBLATT angefangen. Dann ging es zu einer alternativen Wochenzeitung in Hamburg, später war er Lokalchef der Morgenpost, bevor er mit zwei Geldgebern aus Buxtehude eine eigene Veranstaltungs-Illustrierte in Hamburg an den Markt brachte und krachend scheiterte. Danach beriet er deutsche Zeitungen in Dresden und Berlin, bevor ihn der Ruf nach Tschechien ereilte.

 

Der Besserwisser aus dem Westen, ein Makel, der laut Prior meist ganz schnell verloren ging, weil sich schnell die Erfolge einstellten. Dass ihm die Chefredaktionen in den Ländern 2009 eigene Beraterverträge gegeben haben, nachdem ein neuer CEO in Zürich ihn nicht mehr haben wollte, ist für den Buxtehuder mindestens so wichtig als Beleg für den Erfolg, wie die gestiegenen Auflagen. Dazu passt, dass der heutige CEO von Ringier-Axel Springer Prior 2014 als Berater zurückholte, nachdem dieser seine Osteuropa-Zeit eigentlich schon zwei Jahre zuvor beendet hatte. Heute freilich geht es schon lange nicht mehr um Auflagensteigerung, sondern Schadensbegrenzung und Lebensverlängerung. Die Auflagen sind wie in Deutschland im digitalen Zeitalter in Folge von Internet und mobilen Endgeräten im freien Fall. BLESK zum Beispiel hat heute gerade noch 200 000 Auflage.

 

Dass es mit der Beratung nicht immer klappte, erzählt er auch, die Polen taten sich ganz schwer, sich von einem Deutschen die Zeitungswelt erklären zu lassen. Als Prior merkte, dass er nicht erwünscht sei, ging er freiwillig. Was auch gut in seine Lebensplanung passte, denn mittlerweile hat er seine Parallelwelt reduziert, maximal sechs Tage im Monat ist er „nur“ noch in Tschechien, Ungarn und der Slowakei aktiv, früher waren das bis zu fünf Tage die Woche – neben dem Handball-Job in Buxtehude. Ob er nicht angesichts seiner Erfolge im Osten sich als Erfolgsmensch hätte feiern lassen können? „Ja, hätte ich“, sagt Prior unverblümt. Hat er aber nicht. Dass der Job finanziell lukrativ war und ist, gesteht er zu.

Und es mache auch weiterhin noch Spaß, sagt er.

 

Bittere Erfahrung: Gescheiterte Arena

 

Wie auch der Handball in Buxtehude. Was ihn da immer noch antreibt, ist weniger der Ehrgeiz des Erfolgs: Eine deutsche Meisterschaft der A-Jugend stellt er auf eine Stufe mit einem Titel seiner Frauen-Mannschaft. Weil das auch eine Konsequenz seines Schaffens ist, denn als er 1998 nach einer berufsbedingten Pause wieder die Abteilungsleitung übernahm, gab es so gut wie keine Jugendarbeit, mittlerweile ist Buxtehude eine der feinsten Adressen für angehende weibliche Handball-Talente in der Republik. Dass seine Idee einer Handball-Arena aus finanziellen Gründen gescheitert ist, gehört zu den bittersten Erfahrungen des umtriebigen Peter Prior, der wegen dieser Umtriebigkeit nie Gefahr läuft, glorifiziert zu werden. Teamplayer? Die einen sagen so, die anderen so. Am Ende überwiegt die Hochachtung. Vor dem Manager, der vor den Heimspielen als Erster in der Halle ist und meist als Letzter geht. „Ich mache halt viel selber“, sagt Prior über Prior.

 

Dass es ohne ihn den Handball auf diesem Niveau über diese lange Zeit in Buxtehude nicht geben würde, muss ihm niemand sagen. Er weiß es, alle wissen es.

 

Und doch läuft dieser Peter Prior Gefahr, dass er eines Tages in Vergessenheit geraten wird. Irgendwann werden sich seine bisher vier Enkel die Fotos von den Erfolgen der BSV-Handballerinnen betrachten und sich fragen, warum der Opa auf den Bildern nicht zu sehen ist. Selbst bei den größten Jubelarien bei den beiden Pokalsiegen stand der Manager nie da, wo er hingehörte. Peter Prior genoss den Erfolg am Rande. Warum fehlt ihm dieses Gen des Selbstdarstellers? „Mannschaft und Trainer haben das erreicht“, sagt Prior. Er selbst habe den Erfolgen bestenfalls nicht im Wege gestanden, sagt er. Understatement auf ganz hohem Niveau. Genau das ist sein Erfolgsrezept, im Osten und in Buxtehude.

 

Aber Peter Prior weiß, dass alle wissen, dass es anders ist.

 

Die Chefvisite

 

Der Schreibtisch als Spiegel der eigenen Seele? Einmal im Monat besucht TAGEBLATT-Chefredakteur Wolfgang Stephan unangemeldet einen Chef in der Region – um einen Blick auf seinen Schreibtisch zu werfen. Daraus folgt ein Porträt des Protagonisten.

 

Heute: Peter Prior, Handball-Manager und Medienberater aus Buxtehude.

 

Quelle: TAGEBLATT (Wolfgang Stephan) vom 21.04.2018