Der Buxtehuder SV und die Schwangeren

Die Handballerin Julia Gronemann vom BSV erwartet Nachwuchs. Damit reiht sich die Torhüterin ein in eine Liste von Spielerinnen, die während ihrer sportlichen Laufbahn beim BSV schwanger geworden sind. Fünf Mütter, die früher für den Handball-Bundesligisten spielten, über ihre Erfahrungen.

 

Kinderwunsch und der Drang Handball zu spielen

 

Natascha Kotenko war 31, als sie sich wünschte, Mutter zu werden. Zugleich aber wollte sie möglichst lange für die Mannschaft da sein. Also versuchte sie, Kinderwunsch und Handball aufeinander abzustimmen. Mit Erfolg. Kotenko wurde zum Ende der Saison 2004/05 schwanger und scheute sich nicht, noch ein K.o.-Spiel im Europapokal in Frankreich zu bestreiten. „Ich hatte keine Angst, ich wollte unbedingt spielen.“

 

Die Frage, wie es nach der Schwangerschaft weitergehen sollte, stellte sich Kotenko nicht. Sie machte weiter. „Ich hatte noch so viel Energie.“ Anders als zu ihrer Profizeit in Ungarn trainierte die Mannschaft nicht mittags, sondern erst am Abend. Dadurch konnte Kotenko sich tagsüber um ihren Sohn Arsenij kümmern, abends übernahmen dann Ehemann Igor, gute Bekannte oder ihre Mutter, die für einige Monate aus der Ukraine gekommen war.

 

Kotenko spielte nach der Schwangerschaft noch einige Jahre auf hohem Niveau. „Bei mir lief alles ohne Probleme“, sagt sie. Mit leichtem Jogging hielt sie sich fit, die zusätzlichen Kilos waren schnell weg. Bis 2008 spielte sie beim BSV, dann ging es in die zweite Liga zu den Luchsen nach Rosengarten. Eigentlich, sagt Kotenko, wollte sie dort ihre Karriere ausklingen lassen, letztlich blieb sie bis 2012. Mit ihren Toren führte Kotenko die Luchse sogar in die Bundesliga. Heute ist sie hauptamtliche Handball-Trainerin beim BSV – und einer ihrer Spieler ist Sohn Arsenij, inzwischen 13 Jahre alt und mit seinen 1,91 Metern Torhüter der C-Jugend.

 

Schwanger während der Reha

 

Von 1999 bis 2001 war Nadine Gransow unter ihrem Mädchennamen Großer für den BSV aktiv. In dieser Zeit hatte sie häufig mit Verletzungen zu kämpfen, sodass sie nur auf 26 Bundesliga-Einsätze kam. Auch 2001 befand sie sich nach einer Kreuzband-OP in der Reha. Es war die sechste Operation in drei Jahren am rechten Knie. „Dr. Körner legte mir nahe, mit dem Sport aufzuhören, falls ich später noch mal meinen Kindern hinterherrennen wollte“, so Gransow. Diese Aussage brachte sie zum Nachdenken, Abschied von der Handball-Laufbahn zu nehmen. Kurze Zeit später, während der Reha, wurde sie schwanger. Für Gransow ist dies der endgültige Beschluss, ihre Karriere zu beenden. Tochter Lea ist inzwischen 16.

 

Melbecks Rückkehr mit Happy End

 

Stefanie Melbeck hat extra MRT-Bilder anfertigen lassen, um zu beweisen, dass sie sich wirklich an der Wade verletzt hatte. Dass sie in dieser Zeit schwanger geworden war, sei nicht geplant gewesen. Ein guter Zeitpunkt, um die Handball-Karriere zu beenden, dachte Melbeck, damals 35 Jahre alt. „Das war ein fremdbestimmtes Ende, aber zum Glück nicht wegen einer Verletzung.“ Vorerst. Denn genau zwei Jahre nach der Schwangerschaft mit ihrem Sohn Kjell stand Melbeck, die sich mit ein wenig Joggen und Radfahren fitgehalten hatte, wieder auf der Platte. Aufgrund einer Verletztenmisere beim BSV wurde sie reaktiviert, machte den Verantwortlichen aber klar, dass sie nicht wisse, „ob der Körper das nach der Schwangerschaft mitmacht“, sagt Melbeck.

 

Fortan trainierte Stefanie Melbeck wieder acht Mal in der Woche. Spielte erste Liga in einer jungen Buxtehuder Mannschaft. Von 0 auf 100 also – „nein“, sagt Melbeck, „von 0 auf 1000.“ Aber das Wichtigste: Es machte Spaß. „Es war, wie nach Hause zu kommen.“ Und als krönenden Abschluss warf Melbeck den BSV sogar am endgültigen Ende ihrer sportlichen Laufbahn zum ersten nationalen Titel der Vereinsgeschichte, den DHB-Pokal 2015 in Hamburg.

 

Erschreckende Reaktionen

 

Wenn Andrea Bölk über ihre erste Schwangerschaft im Jahr 1997 spricht, kommt sie zu einem eindeutigen Urteil: „Damals wurde damit längst nicht so professionell umgegangen wie heute.“ Klar habe es Menschen gegeben, die sich gefreut hätten. Und trotzdem sei die eigentlich so freudige Nachricht, vor allem in den Hamburger Boulevardmedien, so dargestellt worden, als lasse Bölk den Verein im Stich. „Ziemlich erschreckend.“

 

Wie ist diese Reaktion zu erklären? Zum einen, sagt Bölk, Weltmeisterin 1993, sei sie die Leistungsträgerin gewesen, und ihre Schwangerschaft sei in eine Phase gefallen, in der es beim BSV in der Bundesliga ganz gut lief. Zum anderen hätten sie sich in Buxtehude zum ersten Mal seit dem Aufstieg in die erste Liga mit der Schwangerschaft einer Spielerin konfrontiert gesehen. „Man wusste damals vermutlich noch nicht, richtig damit umzugehen“, sagt Bölk. Andrea Bölk spielte noch bis in den vierten Monat hinein. „Dann ließ es sich nicht mehr verheimlichen“, sagt sie, „und das Thema wurde in der Presse breitgetreten.“ Dennoch stand für sie fest, nach der Geburt ihrer Tochter Emily – heute selbst Bundesliga-Handballerin beim Thüringer HC – wieder zum Ball zu greifen. „Ich war noch relativ jung.“

 

Doch auch nach ihrer Rückkehr änderte sich wenig. „Mir hat die Unterstützung des Vereins gefehlt“, sagt Bölk. Es sei unwahrscheinlich schwierig gewesen, Handball und Nachwuchs aufeinander abzustimmen. Training, Auswärtsfahren, wenig Schlaf: Es sei in Stress ausgeartet, sagt Bölk. „Ich musste mich quälen, um alles unter einen Hut zu bekommen.“ Der Spaßfaktor sei flöten gegangen. Das sagt Bölk heute in aller Deutlichkeit. Andrea Bölk kehrte nach Emilys Geburt im Jahr 1998 noch mal zurück in die deutsche Nationalmannschaft, hörte aber schon bald auf, Handball auf Erstliga-Niveau zu spielen. Später wurde sie ein zweites Mal Mutter.

 

Schnelles Comeback

 

In der Saison 2013/14 absolvierte die damalige Mannschaftsführerin Isabell Klein kein Spiel für den BSV. Während der Vorbereitung wurde sie schwanger. Klein und der Verein gingen mit der Schwangerschaft offen um. „Da es in der Sommerpause war, mussten wir keinen Grund vorschieben, warum ich nicht spiele“, sagt Klein. Die Vorbereitung hatte sie normal mitgemacht und auch während der Schwangerschaft hat sie sich bestmöglich fit gehalten. „Ich habe auf mein Umfeld vertraut. Einen Tag vor der Geburt stand ich noch auf dem Crosstrainer“, sagt Klein.

 

Nach der Geburt ihres ersten Sohnes Colin im Februar 2014 hat sie wieder an ihrem Comeback gearbeitet. „Ich war deutlich schneller topfit als nach meiner Kreuzbandverletzung, da ich während der Schwangerschaft viel machen konnte“, sagt Klein, „Frauen sind halt dafür gemacht, Kinder zu bekommen.“ Den Spagat zwischen Beruf, Handballerin und Mutter schaffte sie auch. „Wir hatten in Kiel zwei Babysitter und in Buxtehude haben mir Jutta Schmidt und Claudia Leun geholfen.“ Inzwischen sind Klein und ihr Ehemann Dominik auch Eltern einer Tochter. Im September 2018 kam Tochter Lucie zur Welt.

 

Und schlagartig war die Karriere vorbei

 

Randy Bülau war verwundert, wie schnell das Karriereende kam. Eigentlich wollte die ehemalige Spielmacherin des Buxtehuder SV noch ein Jahr spielen, dann aber wurde sie schwanger. Eine Schwangerschaft, die geplant war, aber eben überraschend kam. Denn im Hause der Bülaus und auch in der Familie ihres jetzigen Ehemanns Thies Hermann hatte es immer etwas länger gedauert. Und so bestritt Randy Bülau am Valentinstag 2016 ihr letztes Spiel für den BSV, ein Bundesliga-Heimspiel gegen den HC Leipzig, inklusive anschließender Doping-Kontrolle. „Das war schon ein komisches Gefühl, als ich aus der Halle ging.“

 

Das Karriereende kam zwar schlagartig, Bülau sagt aber auch: „Ich habe mir geschworen, dass ich, wenn ich älter oder satt vom Handball werde, selber bestimmen möchte, wann Schluss ist.“ Sie überbrachte ihrem Mann die freudige Nachricht, dann dem Trainer, dem Manager, der Mannschaft. Die Presse erfuhr, dass Bülau wegen einer verschleppten Grippe nicht spielen könne. Zunächst. „Die ersten zwölf Wochen hat das nur ein kleiner Kreis gewusst“, sagt Bülau. Wegen des Risikos einer Fehlgeburt, das in den ersten Wochen der Schwangerschaft besteht. Nachdem sich die Zeichen mehrten, dass Bülau schwanger sein könnte, war sie zu einem Gespräch mit dem TAGEBLATT bereit. Der Titel der Geschichte: „Die seltsame Grippe der Randy Bülau“.

 

Kontaktsport war fortan tabu. Bülau hielt sich während der Schwangerschaft beim BSV-Training am Spielfeldrand fit. Im neunten Monat lief sie noch beim Buxtehuder Altstadtlauf mit. Und sie habe anschließend mit ihrer Selbstständigkeit – sie betreibt eine Outdoorsportanlage in Bliedersdorf – eine „tolle neue Aufgabe“ gefunden. „Das war der perfekte Übergang, um nicht in irgendein Loch zu fallen.“ Bülaus Tochter Nala ist inzwischen zweieinhalb Jahre alt.

 

Von Schulterproblemen und verschleppter Grippe

 

Am Ende, sagt BSV-Manager Peter Prior, dürfe es keine andere Reaktion geben, als sich mit der Spielerin, der werdenden Mutter, zu freuen und sie in den Arm zu nehmen. Knapp ein Dutzend Spielerinnen sind in den vergangenen 30 Jahren Handball beim BSV während ihrer sportlichen Laufbahn schwanger geworden. Zuletzt Torhüterin Julia Gronemann.

 

Sportlich kein Drama, betont Prior. Der BSV ist im Tor auch ohne Gronemann stark besetzt. „Ein Kader muss immer so aufgestellt sein, dass man Ausfälle verkraften kann, egal aus welchem Grund“, sagt Prior. Auch 2004, als Spielmacherin Aleksandra Pawelska ihre Schwangerschaft bekannt gab. Alle hätten sich mit ihr gefreut, obwohl sie gleich klargestellt habe, dass sie ab sofort keine Spiele mehr bestreiten würde, sagte sie damals. Trainer Leszek Krowicki reagierte professionell gelassen und verteilte Pawelskas Aufgaben auf die Mannschaft. Dass es in Buxtehude aber nicht immer nur positive Reaktionen auf eine Schwangerschaft gab, zeigte sich 1997 bei Andrea Bölk, die mit ihrer Tochter Emily schwanger war (siehe oben).

 

Zugute sei dem BSV auch gekommen, dass die Spielerinnen den Verein frühzeitig über die Schwangerschaft informierten und klar machten, ob eine Rückkehr vorstellbar sei, sagt Prior. Wie bei Natascha Kotenko, Susanne Petersen oder Aleksandra Pawelska. Anders war es bei Stefanie Melbeck, die ihre Karriere aufgrund der Schwangerschaft beendet hatte. Wegen einer Verletztenmisere beim BSV ließ sie sich aber nach zwei Jahren noch einmal reaktivieren und warf den Verein zu seinem ersten Pokalsieg. Dann folgte das endgültige Karriereende.

 

Wie aber geht der BSV in der Öffentlichkeit mit dem Thema um? An erster Stelle stehe, vertraulich mit der Information umzugehen, sagt Prior. Da es in den ersten Wochen der Schwangerschaft das erhöhte Risiko einer Fehlgeburt gebe, werde das noch nicht an die große Glocke gehängt. Julia Gronemanns Ausfall etwa wurde mit Schulterproblemen begründet, bei Randy Bülau wurde von einer verschleppten Grippe gesprochen, bevor Öffentlichkeit und Medien den wahren Grund erfuhren.

 

Die Schwangeren

Wann sind welche BSV-Handballerinnen während ihrer sportlichen Laufbahn schwanger geworden:

  • Julia Gronemann (2019)
  • Randy Bülau (2016)
  • Ulrika Agren (2015)
  • Isabell Klein, geb. Nagel (2013)
  • Stefanie Melbeck (2012)
  • Susanne Petersen, geb. Henze (2008)
  • Natascha Kotenko, geb. Bodentschuk (2005)
  • Aleksandra Pawelska (2004)
  • Nadine Gransow, geb. Großer (2001)
  • Andrea Bölk, geb. Stein (1997)
  • Svetlana Kitic (1988, damals spielte der BSV noch in der zweiten Liga)

Quelle: www.tageblatt.de

Fotos: Privat