Der BSV fährt die Krallen aus

Champions League: Handballerinnen des Buxtehuder SV verlieren erneut – Kämpferische Leistung überzeugt

Aus den einstigen Katzen auf internationalem Parkett sind Tiger geworden. Die Handballerinnen des Buxtehuder SV haben zwar ihr Auswärtsspiel in der Champions League bei Hypo Niederösterreich mit 24:27 (11:14) verloren. Aber die vermeintlich leichte Beute, als die sie der Gastgeber ausgemacht hatte, waren die Buxtehuderinnen nicht. Ein Beitrag und Reaktionen zum Spiel gibt´s im TAGEBLATT-TV.

Lachend und scherzend kommen die Hypo-Handballerinnen in die Halle. 800 Zuschauer können die gelb-blau gestalteten Tribünen nicht füllen. Aber das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist da. Vier Kameras und jede Menge Mitarbeiter zeigen den Stellenwert der Handballerinnen aus Niederösterreich, gleich hinter der Stadtgrenze zu Wien. Im Olympiastützpunkt, dem Bundessport- und Freizeitzentrum Südstadt, will der 35-fache österreichische Meister und Champions-League-Rekordsieger Hypo schnell Tatsachen schaffen. Aber nach zwölf Minuten ist klar: Die Buxtehuder Spielerinnen werden den Gastgeber zumindest nach Kräften ärgern. “Zu Hause haben wir Hypo zu viele leichte Konter geschenkt”, analysiert Buxtehudes Trainer Dirk Leun, “aber die Mannschaft hat schon immer gezeigt, dass sie von Spiel zu Spiel lernen kann.” Der Stratege Leun dirigiert seine Spielerinnen wie ein Dirigent den Radetzky-Marsch. Janne Wode spielt nur in der Defensive. Als Chefin im Abwehrzentrum hat sie sich nach ihrer Rückkehr vom Zweitligisten SGH Rosengarten schnell etabliert. Aber nicht nur sie tauscht rasant zwischen Spielfeld und Bank. Auch die anderen Spielerinnen wechselt Leun ihren Stärken entsprechend auf ihren Positionen ein, ohne dass das Glanzstück des BSV leidet: Die Stabilität der Abwehr überrascht die Gastgeberinnen. Und ob Absicht oder nicht, als Alexandra Nascimento – eine von acht brasilianischen Nationalspielerinnen im Team von Hypo – die schon zu dem Zeitpunkt sehr gute BSV-Torfrau Antje Lenz mit dem Ball beim Wurf am Kopf trifft, wirkt das nicht einschüchternd. Lenz geht auf die Torschützenkönigin der letzten Weltmeisterschaft zu und fährt verbal die Krallen aus. “Ja, das hat mich noch einmal gepusht. So eine erfahrene Spielerin muss mir nicht auf den Kopf werden. Die kann das anders lösen”, sagt Lenz später im TAGEBLATT-Interview. Danach wird sie nur noch stärker. Und der Rest der Mannschaft zieht mit.

Schon im deutschen Pokalspiel gegen Borussia Dortmund war Lenz in der letzten Viertelstunde der große Rückhalt der Mannschaft. Für Trainer Leun ist die Leistung in Österreich eine Fortsetzung dieses Auftritts. Mit der Torfrau im Rücken trauen sich die BSV-Handballerinnen noch mehr zu. Sie gehen die harte Gangart auf dem Champions-League-Parkett kompromisslos mit. “Das ist internationale Härte, in der Bundesliga wäre schon dreimal gepfiffen worden”, sagt Katja Langkeit, “hier lassen sie es laufen, aber das gibt dem Spiel halt die besondere Würze.”
Den Geschmack der Königsklasse wollte sich die Linksaußenspielerin nicht ganz nehmen lassen. Nach einem Anriss des Kreuzbandes war die Partie in Maria Enzersdorf in Niederösterreich für sie das erste Champions-League-Gruppenspiel in dieser Saison. Eigentlich sollte sie nur 20 Minuten zur Wiedereingliederung spielen. Aber daraus wurde doppelt so viel Zeit und die Hoffnung auf den ersten zählbaren Erfolg in der Liga der 16 besten europäischen Vereinsmannschaften.

Nach der Pause hält der BSV trotz einer Zwischenoffensive der Gastgeberinnen den Abstand von drei bis vier Toren. Beim Stand von 19:18 aus Hypo-Sicht vergibt Jana Stapelfeldt die Chance, schon hier den Ausgleich zu schaffen. Das gelingt beim 23:23. Eine Minute später führt der BSV zum ersten Mal in einer zweiten Halbzeit dieser Champions League. Noch gut fünf Minuten sind zu spielen. “Wir waren sehr gut auf den Gegner eingestellt”, sagt Torhüterin Lenz. “Am Ende hat wieder die Cleverness gefehlt, ansonsten hätten wir heute vielleicht einen Sieg oder ein Unentschieden mit nach Hause gebracht”, sagt Langkeit.

Aus der befürchteten Leidenszeit des Bundesliga-Tabellenzweiten in der Champions League ist Leidenschaft geworden. Der Tiger beißt, obwohl die Nationalspielerinnen und Liga-Topwerferinnen Stefanie Melbeck, Randy Bülau, Josephine Techert und Diane Lamein weiter fehlen.

Jetzt hoffen alle am Sonntag, 11. November, 15 Uhr beim letzten Champions-League-Heimspiel des Buxtehuder SV gegen den dänischen Meister Randers HK auf ein ebenso erfolgreiches Kampfspiel. Es wäre zum Abschied aus der diesjährigen Liga, denn nach der Niederlage gegen Hypo steht Buxtehude so gut wie als Letzter der Vierergruppe in der Champions League fest.

Zahlen und Fakten

Buxtehuder SV: Lenz, Krause; Stapelfeldt 3, Oldenburg 4, Hayn 1, Lütz 6, Fischer 2/2, Deen 3, Lamp, Kaiser, Luschnat, Klein 2, Wode, Langkeit 3.
Hypo Niederösterreich: Arenhart, Blazek; Do Nascimento 8/4, Cavalerio Fachinello 7, Temes 6, Acimovic 2, Franca da Silvia 2, Carvalho Carneiro Diniz 1, Kaiser, Blazek, De Souza, Dedic, Fier den Moura, Mauler, Rodrigues.

Spielfilm: 4:2 (6.), 8:5 (12.), 10:7 (20.), 11:9 (23.), 12:10 (28.), 12:11 (29.), 14:11 (Halbzeit); 15:11 (31.), 16:12 (23.), 17:15 (40.), 18:16 (41.), 19:18 (43.), 22:18 (48.), 22:21 (52.), 23:24 (55.), 27:24 (Endstand).
Zeitstrafen: Hypo 3 (zweimal Kaiser, Carvalho) – BSV 1(Wode)
Siebenmeter: Hypo 6/4 – BSV 2/2

Schiedsrichter: Dzmitry Nabokau/Siarhei Kulik (Bulgarien)
Zuschauer: 800

TAGEBLATT vom 05.11.2012