Das große Interview mit Dirk Leun zum 10-jährigen Dienst-Jubiläum

Über die größten Erfolge, die schönsten Erinnerungen, wo er sich verändert hat, was sich in Buxtehude in der Zeit verändert hat, was der Bundesliga-Trainer sich für die Zukunft wünscht

 

In wenigen Wochen endet deine 10. Saison in Buxtehude. In der Zeit hast du drei Titel gewonnen: Den Europa-Cup 2010 sowie zweimal den DHB-Pokal 2015 und 2017. Welcher Titel bedeutet Dir am meisten?

 

Dirk Leun: Der Pokalsieg 2015, weil es langersehnter Titel gewesen ist, quasi in eigener Halle – wenn auch in Hamburg. Und es war Höhepunkt und Abschluss einer Generation von Spielerinnen mit Randy Bülau, Isabell Klein, Jana Podpolinski und natürlich Steffi Melbeck. Nicht zu vergessen, dass wir in der Saison zum dritten Mal deutscher Vize-Meister geworden sind.

2017 war es ganz anders, das kam total unerwartet und überraschend. 2015 dagegen war quasi von langer Hand vorbereitet.

 

Von den Titelgewinnen abgesehen, was sind die schönsten Erinnerungen aus den 10 Jahren?

 

Dirk Leun: Alle Play-Off-Spiele, wo wir erfolgreich enorme Rückstände aufgeholt haben, gegen Frankfurt, gegen Leipzig, das waren extreme Emotionen! Aber auch die erste deutsche A-Jugend-Meisterschaft 2016 war ein toller Moment und ein wichtiger Schritt für die Entwicklung unserer Nachwuchsarbeit, zugleich eine Bestätigung unserer Arbeit, nach der B-Jugend 2014 noch mal mit diesem Team den Titel zu holen.

 

Spürt man nach 10 Jahren auch mal Verschleiß oder eine gewisse Ab­nutzung?

 

Dirk Leun: Ich glaube nicht. Eine Veränderung ist natürlich immer wieder nötig, was die Arbeit des Trainers anbetrifft. Aber es gab und gibt ja auch immer wieder Veränderungen im Team und es muss immer wieder neue Reize geben. Und wenn ich sehe, wie lange viele Spielerinnen bei uns bleiben und unter dem selben Trainer trainieren wie zum Beispiel Jessica Oldenburg oder Lone Fischer, da kann die Abnutzung so groß nicht sein.

Auf der anderen Seite kann man sich als Trainer auch nicht permanent neu erfinden und darf nicht alles über den Haufen schmeißen, was erfolgreich war. Aber punktuell muss man immer für Abwechslung, neue Ideen und neue Motivation sorgen. Immer nur dasselbe Erfolgsprinzip zu wiederholen, funktioniert am Ende auch nicht.

 

Was hat sich im Handball in den 10 Jahren verändert?

 

Dirk Leun: Die Dynamik, das Tempo, die Körperlichkeit – all das hat auch im Frauen-Handball enorm zugenommen. Zu der Zeit, als ich als Trainer angefangen habe, waren technische Finessen wie Kempa noch etwas besonderes, heute nicht mehr. Durch die höhere Athletik kann das Spiel immer noch attraktiver gestaltet werden.

 

Was machst Du heute anders als in Deinem ersten Jahr in Buxtehude?

 

Dirk Leun: Der Trainingsumfang hat zugenommen. Zugleich achte ich heute mehr auf den Wechsel zwischen Belastung und Erholung. Ich berücksichtige mehr das Trainingsalter der Spie­lerinnen, ich differenziere mehr, was die Belastung im Training anbetrifft. Ältere Spielerinnen müssen nicht unbedingt das gleiche Pensum leisten wie jüngere.

 

Ich lege auch mehr Wert auf Regeneration – für den Körper und für den Kopf. Wir müssen immer berücksichtigen, dass die Spielerinnen nebenbei arbeiten oder studieren. Dazu ein Beispiel: Bei einem Spiel am Sonntag müssten wir eigentlich noch am Samstag trainieren, aber darauf verzichte ich, weil die Spielerinnen hier ein freies Zeitfenster brauchen, um von Arbeit und Sport zu regenerieren. Da sind natürlich Vollprofis in einer anderen Situation.

Im Athletik-Training haben wir – auch dank der Kooperation mit den Sport­wissenschaften aus der Physio-Praxis Lasarzik & Lohmann – extreme Fortschritte gemacht. Auch hier wird mehr und mehr individualisiert, nicht alle machen das gleiche Kraftprogramm. Es wird auch positionsspezifisch differenziert.

 

Ich glaube, in vielen kleinen Punkten habe ich mich auch verändert. Beim Coaching an der Linie bin ich insgesamt ruhiger geworden – von Ausnahmen vielleicht abgesehen…

 

Durch Erfahrung entwickelt man sich weiter. Das ist ein Grundprinzip: Du musst Dich als Trainer weiterentwickeln und offen sein für neue Dinge, lebenslanges Lernen gilt auch für Trainer im höheren Alter. Das ist eine Notwendigkeit, um gut zu bleiben.

 

Dabei hilft sicherlich im digitalen Zeitalter auch der technische Fortschritt?

 

Dirk Leun: Absolut. Denken wir nur an die Video-Technik. Als ich vor 10 Jahren in Buxtehude anfing, kamen Video-Cassetten mit den Spielen der kommenden Gegner noch per Post, oft musste man bis Mittwoch oder gar Donnerstag warten, bis das Spiel vom Wochenende ausgewertet werden konnte.

Heute liegen alle Spiele spätestens 24 Stunden nach Abpfiff auf einem großen Server und stehen allen zur Verfügung.

Die Qualität der Aufnahmen ist heute viel besser, wichtige Details werden besser sichtbar. Die entsprechende Soft­ware erlaubt, bestimmte Szenen aus den Spielen blitzschnell anzusteuern oder mit wenigen Tastaturbefehlen alle Tore einer bestimmten Spielerin zusammenzuschneiden, etwa um entsprechende Wurfbilder für die Torhüter zu erstellen.

Damit die Spielerinnen ihre Gegner studieren konnten, wurden vor 10 Jahren Video-Cassetten dupliziert und verteilt. Jahre später waren massenhaft USB-Sticks im Umlauf. Heute haben alle Spielerinnen Zugriff auf den Server, können zu jeder Zeit und von überall auf das Video-Material zugreifen.

 

Was hat sich im Verein in den 10 Jahren verändert?

 

Dirk Leun: Vor allem haben wir den Nachwuchsbereich in dieser Zeit deutlich professionalisiert und uns deutschlandweit einen sehr guten Ruf erarbeitet. Das haben wir mit einem starken Trainer-Team erreicht. Unsere A-Jugendlichen sind heute körperlich viel besser vorbereitet. Vor 10 Jahren konnte man A-Jugendliche bei der Bundesliga kaum mittrainieren lassen, heute sieht das dank der stringenten und guten Arbeit insbesondere von Heike Axmann ganz anders aus. Und wir beginnen, altersmäßig immer früher die richtige Basis zu legen.

Wir haben die berechtigte Hoffnung, dass in Zukunft nicht nur einzelne Spielerinnen den Weg in die Bundesliga schaffen, sondern wir mehr und mehr Talente in die 2. und 1. Liga bringen. Vielleicht sollten wir nach dieser Saison schon mal eine Statistik erstellen, wie viele es bereits geschafft haben.

Erfreulich auch, wie alle Beteiligten seit Jahren vom gut funktionierenden Kooperationsmodell mit dem Zweitligisten Buchholz-Rosengarten profitieren.

Die Stimmung in unserer Halle ist immer noch großartig, wir haben eine große Fan-Gemeinde und der Fan-Club ist sehr aktiv, hat gerade in letzter Zeit immer neue Ideen umgesetzt.

 

Noch mal konkret zur Nachwuchsarbeit. Da hast Du ja jetzt sehr gute Vergleichsmöglichkeiten, weil Du Dir für Deine Söhne Finn und Jakob diverse Sportschulen und Internate in Deutschland angeschaut hast. Was fällt da auf?

 

Dirk Leun: Die größte Baustelle ist grundsätzlich die Verknüpfung von Schule und Leistungssport. Der Unterschied zwischen uns und den Top-Internaten ist sehr groß. Dort absolute An­passung der Schule an der Trainingsplan und nicht umgekehrt, es gibt Zeit für Vormittagstraining, der Stun­denplan wird entsprechend angepasst. Ebenso beeindruckend jeweils die Zahl der hauptamtlichen Trainer auch in den speziellen Bereichen Athletik, Torwart-Training, Physio. Hier stehen mehr Stel­len zur Verfügung, um auch in diesem Bereich optimal zu arbeiten. Vieles davon haben wir auch für die Bundesliga, aber nicht für den Jugendbereich.

 

Gute Internate gewährleisten absolute 24-Stunden-Betreuung. Für die Jugendlichen sind kurze Fußwege zwischen Schule, Trainingsstätte und Wohnen extrem wichtig. Das ist im Bereich Leistungssport ein hoher Qualitätsstandard – angesichts der Gesamtbelastung von 8 bis 10 Trainingseinheiten neben der Schule.

 

Auch junge Leistungssportler müssen ihren Tag gut planen und haben wenig Freizeit, das Thema Regeneration ist auch bei Jugendlichen wichtig, sie müssen sich nicht nur körperlich, sondern auch geistig erholen können. Da brauchen sie auch mal Pausen.

 

Von solchen Bedingungen kann man in Buxtehude nur träumen. Was ist hier dennoch möglich? Was kann man verbessern?

 

Dirk Leun: Von den Bedingungen, die ich etwa in Berlin und Leipzig gesehen habe, können wir in Buxtehude tatsächlich nur träumen. Eine richtige Sportschule werden wir in Buxtehude sicherlich nie haben, aber vielleicht könnte das Gymnasium Süd wenigstens eine Partnerschule des Leistungssports werden, wo Talente – gerne auch aus anderen Sportarten wie Triathlon, Fußball oder Wettkampf-Aerobic – auch am Vormittag gefördert werden könnten.

Stand heute können wir am Vormittag gar nichts machen. Dafür planen wir jetzt Kraft- und Athletik-Einheiten für unsere Talente am frühen Nachmittag in der 7. und 8. Stunde. Wenn wir stets die Gesamtbelastung gut im Auge behalten, können die Mädchen an diesen Tagen trotzdem abends noch zum Mannschaftstraining.

 

Ganz hilfreich wäre auch ein Internats-Gebäude in Buxtehude für die Talente, die von außerhalb kommen. Heute haben wir diverse Handball-WGs in angemieteten Wohnungen, ein Gebäude für alle auswärtigen Talente hätte viele Vorteile.

 

Und ganz oben auf der Wunschliste steht natürlich eine vernünftige Halle. Die Mannschaft, die Handball-Jugend, die Fans und die ganze Stadt hätten das längst verdient…

 

Zur neuen Saison wirst Du neben der Bundesliga-Mannschaft auf die weibliche B-Jugend übernehmen.

 

Dirk Leun: Das ist eine ganz wichtige Altersstufe in Vorbereitung auf den absoluten Leistungssport. Hier haben wir im Moment einen großen Zulauf an hochtalentierten Spielerinnen aus ganz Deutschland. Ich möchte dort ansetzen und mithelfen, frühzeitig die Grund­la­gen zu legen für mögliche künftige Bundesliga-Spielerinnen.

 

Der BSV muss für auswärtige Talente, die zu uns kommen, ein möglichst perfektes Gesamt-Paket bieten von der B-Jugend zu A-Jugendbundesliga, 3. Liga und dann weiter Richtung Bundesliga. Wir hier jetzt gut aufgestellt mit Heike Axmann und Jonathan Pape, mit Lars Dammann und Natascha Kotenko, mit Debbie Klijn als Torwarttrainerin sowie den Sportwissenschaftlern Philipp Winterhoff und Michael Hübner von der Physio-Praxis Lasarzik & Lohmann.

 

Letzte Frage: Wie fühlt man sich privat nach 10 Jahren in Buxtehude?

 

Dirk Leun: Meine Frau und ich, unsere Familie, fühlen uns sehr wohl in Buxtehude, in der Stadt und der Region. Wir haben uns inzwischen ein Haus in Buxtehude gekauft, meine Frau ist sehr zufrieden mit ihrem Job in der Schule in Jork, es passt einfach alles.

 

Das Interview mit BSV-Trainer Dirk Leun ist im Bundesliga-Sonderheft “BSV LIVE” erschienen, das am heutigen Samstag in einer Auflage von 50.000 Stück an sämtliche Haushalte in Buxtehude und Umgebung verteilt worden ist. Neben dem Interview bringt das Sonderheft wieder interessante Spielerinnen-Stories, Fakten zum Saisonfinale, Infos zur neuen Saison und einen Überblick über die erfolgreiche BSV-Handballjugend.

 

Das Sonderheft gibt es zur kostenlosen Mitnahme im BSV-Shop (Viverstraße 2 in Buxtehude) sowie zum Download hier auf der Website in der Rubrik Media/Sownloads) .