23:21-Sieg gegen Leverkusen: BSV sorgt für „halbe Herzinfarkte“

BUXTEHUDE. 1128 Zuschauer sehen den 30. Sieg des Handball-Bundesligisten Buxtehuder SV im 59. Spiel gegen den TSV Bayer 04 Leverkusen. Das Duell, bei dem am Ende der 23:21-Erfolg des BSV zu Buche steht, ist nichts für Handball-Ästheten.

 

Das Spiel besitzt ob seiner technischen Qualität nicht gerade das Potenzial, in die Geschichte einzugehen. Dennoch ist es allemal gut für graue Haare, „halbe Herzinfarkte“ und neue Feindbilder.

 

Wenn die Schiedsrichter von beiden Mannschaften kritisiert werden, wird es für die Unparteiischen gefährlich. Jannik Otto, der aus dem Landkreis Stade stammt und jetzt in Syke lebt, und Raphael Pieper aus Kiel erwischen so einen Tag, an dem sie mit ihren Entscheidungen beide Trainer auf die Palme bringen. Renate Wolf aus Leverkusen und Dirk Leun aus Buxtehude.

 

Schiedsrichter fällen undurchsichtige Entscheidungen

 

Leun tigert die Außenlinie hoch und runter, rauft sich die Haare, wenn der Pfiff für einen vermeintlichen Siebenmeter oder eine Zeitstrafe ausbleiben. Er ruft seinen Unmut heraus. Einmal so vehement, dass es eine Verwarnung nach sich zieht. Wolf fixiert wahlweise Pieper oder Otto mit einem vernichtenden Blick. In der Tat fällen die beiden Schiedsrichter undurchsichtige Entscheidungen. Sie urteilen mit zweierlei Maß. Auswirkungen auf den Spielausgang hat das freilich nicht. Beide Mannschaften profitieren, beide Mannschaften leiden.

 

„Meine Alterungsrate ist um 50 Prozent gestiegen“, sagt Leun nach dem Abpfiff. Der BSV habe heute gegen sich selbst gekämpft und sei von anderen bekämpft worden. Die Trikots der Gegner hätten dabei mehrere Farben gehabt. Das Wort Schiedsrichter nimmt Leun nicht in den Mund, wohlweißlich, dass er eine Strafe vom DHB riskiert, wenn er selbigen zu voll nimmt. Aber die Adressaten der Kritik sind eindeutig. Das Publikum applaudiert.

 

Auch der BSV hat keine Top-Leistung abgeliefert

 

Die 60 Spielminuten vor der Abrechnung sind arm an handballerischem Niveau. Jedenfalls, was die Offensivarbeit angeht. Leun räumt sehr wohl ein, dass auch der BSV keine Topleistung abgeliefert habe. Das Spiel beider Teams gleicht sich dem Niveau der Unparteiischen an, oder umgekehrt? Egal.

 

Friederike Gubernatis und Maike Schirmer bringen den BSV nach drei Minuten mit 2:0 in Führung. Die Buxtehuder Abwehr erwischt einen Sahnetag, schnelle Beine, aggressive Aktionen. Leverkusen prallt ab am BSV-Bollwerk. Jessica Oldenburg, die an diesem Tag zwischen Genie und Wahnsinn spielt, Lone Fischer und Gubernatis erhöhen nach elf Minuten auf 6:2. BSV-Torhüterin Antje Peveling gewinnt in der ersten Viertelstunde klar das Duell gegen ihre Gegenüber Katja Kramarczyk. Sie entschärft ein halbes Dutzend Bälle. Renate Wolf nimmt die erste Auszeit. „Oh Gott. Ich habe gedacht, wir sind noch im Bus. Wir hatten massive Probleme“, sagt Wolf, die schon Angst vor einem schlimmen Nachmittag hatte.

 

Lone Fischer wirft Tor Nummer 800 für den BSV

 

Erster Höhepunkt der ersten Halbzeit ist das 800. BSV-Tor für Nationalspielerin Lone Fischer. In der 13. Minute bejubeln die Zuschauer das 7:2. Lone Fischer ist erst die sechste Spielerin in der BSV-Geschichte, die diese Marke durchbricht.

 

Die Partie verflacht danach. Vor allem im Angriff lässt der BSV stark nach. Oldenburg, Lynn Knippenborg, Fischer am Siebenmeterpunkt und Schirmer scheitern immer wieder an der sich deutlich steigernden Kramarczyk. Passfehler häufen sich. Der BSV bleibt aber in Front. Isabell Kaiser markiert in ihrem hundertsten Spiel ihren 99. Treffer zum 10:6. Mit dem Pausenpfiff verwandelt Oldenburg einen direkten Freiwurf zum 11:9. Kaiser trifft später noch ein zweites Mal und gibt sich im Gespräch nach dem Spiel stolz. „Ich habe nie damit gerechnet, irgendwann mal in der Bundesliga spielen zu dürfen. Jetzt habe ich schon 100 Spiele“, sagt sie. Kaiser stand nie in irgendeiner Auswahlmannschaft, schaffte beim BSV aber längst den Durchbruch. Sie ist die Zuverlässigkeit in Person. Sie ackert. Sie spielt immer solide oder noch ein bisschen besser. Von der Kreisposition ist die 25-Jährige schon jetzt kaum noch wegzudenken.

 

Auch nach dem Wechsel bestimmen die Abwehrreihen das Spiel. Beide Teams brennen in der Offensive nicht gerade ein handballerisches Feuerwerk ab. Fischer erzielt nach einem Tempogegenstoß den Treffer zum 13:10. Aber Leverkusen wehrt sich. Amelie Berger und Anna Seidel erzielen beim 14:13 aus BSV-Sicht den Anschluss.

 

Bei beiden Teams hapert es an der Offensive

 

Beide Teams spielen jetzt auf Augenhöhe. Lea Rühter steht für Peveling im Tor und macht ihre Sache gut. In der 47. Minute pariert Rühter einen Siebenmeter. Gubernatis erzielt das 19:17 mit Wucht nach knapp 50 Minuten. Die Partie lebt allein von ihrer Spannung. Leverkusen bleibt dran, auch weil Lisa Prior einen Siebenmeter nicht an Kramarczyk vorbeibringt. In der 52. Minute erzielt Marija Gedroit den Ausgleich. Die erste Bayer-Führung verhindert Rühter kurz danach mit ihrer achten Parade. Die drei besten Spielerinnen auf der Platte sind an diesem Tag die Torhüterinnen: Peveling, Rühter und Kramarczyk mit zusammen mehr als 30 Paraden.

 

Michelle Goos und Oldenburg lassen den BSV mit ihren Treffern zum 21:19 nach 54 Minuten kurz durchatmen. Aber Anna Seidel hält den Gast mit ihrem vierten Tor vom Siebenmeterpunkt im Spiel. Dirk Leun nimmt die Auszeit und schwört seine Mannschaft auf die entscheidende Phase ein. Das 22:20 von Gubernatis bringt die Vorentscheidung. Die endgültige macht die Halbrechte mit ihrem sechsten Tor kurz danach.

 

Die Zuschauer sahen ein spannendes Spiel

 

„Wir haben uns das Leben selbst schwer gemacht“, sagt Gubernatis. Für die Zuschauer sei das Spiel sicher spannend gewesen. „Einige hatten wahrscheinlich einen halben Herzinfarkt“, sagt die ehemalige Nationalspielerin. In Sachen Chancenverwertung müsse die Mannschaft noch zulegen. Über die Abwehrleistung könne sich niemand beschweren.

 

Dass diese Partie als eher unansehnlich in die Geschichte eingehen wird, sind sich alle einig. BSV-Trainer Dirk Leun will offenbar die Fehler nicht so sehr zum Thema machen. So einen Tag erwische eine Mannschaft eben mal. „Alles gut.“

 

Die Statistik

 

BSV: Peveling, Rühter, Gronemann, Borutta, Meier, Fischer 3, Haurum, Gubernatis 6, Knippenborg 2, Schirmer 2, Oldenburg 5, Goos 1, Kaiser 2, Prior 2/2.

 

Spielfilm aus BSV-Sicht: 2:0 (3. Minute), 4:2 (7.), 7:2 (13.), 8:5 (20.), 10:6 (27.), 11:8 (Halbzeit), 12:10 (35.), 14:11 (37.), 15:13 (40.), 18:15 (45.), 19:19 (52.), 21:19 (55.), 23:21 (Endstand)

Siebenmeter: BSV 4/2 – TSV 7/5

Zeitstrafen: BSV 1 (Oldenburg) – TSV 2 (2xBruggeman)

 

Schiedsrichter: Otto/Pieper (Syke/Kiel)

Zuschauer: 1128

 

Nächstes Spiel: FA Göppingen – BSV (Sbd., 17. März, 19 Uhr, EWS Arena, Göppingen)