TAGEBLATT-Jahresrückblick: Der BSV im Land des Lächelns

Die Handballerinnen des Buxtehuder SV haben als frischgebackene Pokalsiegerinnen einen Teil ihrer Saisonvorbereitung in Japan verbracht – und dort Werbung für ihre Sportart gemacht. Ein Japaner war besonders aufgeregt.

 

Ich sitze in einem mintgrünen Reisebus, in den Reihen hinter mir die Spielerinnen, vor mir der Trainerstab des BSV. Als wir auf die Johoku-Highschool zusteuern, tauchen plötzlich Mädchen und Jungen am Straßenrand auf und schwenken schwarz-rot-goldene Fähnchen. Die Spielerinnen winken ihnen durch die Scheiben des Busses zu, Trainer Dirk Leun schwärmt von der Gastfreundschaft der Japaner und ich habe Gänsehaut.

 

Der BSV hat im Juli dieses Jahres einen Teil seiner Saisonvorbereitung nach Fernost verlegt. Anderthalb Wochen war die Bundesliga-Mannschaft zu Gast in der Präfektur Tokushima auf der kleinsten der vier Hauptinseln Japans. Dahinter stand die Partnerschaft des Landes Niedersachsen und der Präfektur Tokushima. Auf der Suche nach der stärksten Frauen-Handball-Mannschaft in Niedersachsen war die Wahl letztlich auf den BSV gefallen.

 

Ich begleite die Bundesliga-Mannschaft seit fast drei Jahren für das TAGEBLATT. In dieser Zeit habe ich das Europapokal-Debakel in Antalya miterlebt, das verlorene Meisterschaftsfinale in Bad Langensalza oder den sensationellen DHB-Pokalsieg von Bietigheim im Mai dieses Jahres. Dort setzte sich der BSV als Außenseiter im Halbfinale deutlich gegen die Übermannschaft aus Bietigheim durch und bezwang Metzingen im Endspiel. Torfrau Antje Peveling spielte das Turnier ihres Lebens. Natürlich hätte auch diese Geschichte das Zeug zum Moment des Jahres. Die Reise nach Japan dagegen: außergewöhnlich, exklusiv, einmalig.

 

Talkshow und Hochglanzarena

 

Die Japaner nehmen im Vorfeld der Olympischen Spiele 2020 viel Geld in die Hand, um die Bevölkerung für verschiedene Sportarten zu begeistern. Der Schwerpunkt in der Präfektur Tokushima liegt auf dem Handball. Die BSV-Handballerinnen waren Botschafterinnen für ihren Sport.

 

Schon nach dem zwölfstündigen Flug erfuhren wir, was damit gemeint war. Anstatt sich auszuruhen fanden sich Antje Peveling und Emily Bölk in dem bunten Studio einer Talkshow im japanischen Lokalfernsehen wieder und warben für ein Handballturnier in Tokushima. Alle Sätze, die sie in die Kameras sprachen, wurden im Vorfeld festgelegt. Als die Moderatoren wissen wollten, ob Bratwurst lecker sei, nickten Peveling und Bölk eifrig.

 

Der Auftritt im Fernsehen war der Auftakt eines zehntägigen Aufenthalts mit einem vollgepackten, minutiös durchgetakteten Programm. Gut für mich, es gab viel zu berichten, so auch bei dem angepriesenen Turnier. Allein die Halle, ein Multifunktionstempel, wurde in eine Hochglanz-Handball-Arena verwandelt. Riesige Anzeigentafel, nagelneues Spielfeld und spacige Sounds nach Torerfolgen. Der an spartanische Schulsporthallen gewöhnte BSV-Tross war begeistert.

 

Nach dem Turnier rieben wir uns allerdings die Augen, als mehrere Mädchen und Jungen das Spielfeld auf Knien mit Putzlappen reinigten – ohne Mucks, ohne Murren. Ich hätte an diesem Tag eine Geschichte über Disziplin und japanische Eigenschaften schreiben können, oder über den unermüdlichen Einsatz unserer Begleiterin Fumi, die mir jeden Morgen die Artikel der Tokushima-Zeitung über den BSV fotokopierte und übersetzte. Doch ich entschied mich für eine andere.

Ein Japaner im BSV-Trikot

 

Auf der Tribüne saß ein hagerer Mann im BSV-Trikot. Tetsuhisa Usui, der einzige Fan des Bundesligisten beim Turnier in Tokushima. Er war mehrfach zu Besuch in der Halle Nord, jetzt erlebte er seinen Lieblingsclub in seinem Heimatland. Usui begrüßte die Spielerinnen typisch norddeutsch mit „Moin“. Ich stellte mich ihm vor. Das BUXTEHUDER TAGEBLATT war ihm ein Begriff.

 

Meine Fragen beantwortete Usui auf Deutsch. Er stammelte, war nervös. Handball spielt eine große Rolle. Für seine Reisen investiert Usui viel Geld und den Großteil seines Jahresurlaubs. Seit 1996 hat er jedes Jahr Handballspiele in Deutschland besucht. Die Begegnung mit Tetsuhisa Usui war ein besonderer Moment dieser Reise. Wir stehen heute immer noch in Kontakt. Zuletzt schrieb er mir, dass er aus gesundheitlichen Gründen nicht zur Frauen-WM nach Deutschland reisen könne.

 

Ich habe die Buxtehuder Mannschaft 10 Tage, 24 Stunden erlebt. Bei den Mahlzeiten im Hotel, beim Strudel-Sightseeing auf einem Ausflugsschiff, bei Physio-Behandlungen in der Trainingshalle. Ich lernte einen Trainer kennen, der Handball lebt und einen zweiten Sightseeing-Tag sausen ließ, Spielerinnen, die das bedauerten, und andere, die froh waren, zwischen Training und Testspielen Ruhe zu haben.

 

Nach Außen hat die Mannschaft einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Das zeigte sich beim Training mit den Schülern der Johoku-Highschool. Dort, wo die Spielerinnen wie Stars empfangen wurden. Die Schüler machten im Training jede Übung mit. Und am Ende wurden sie wieder wie Stars verabschiedet. Selfies, Autogramme, und Eltern, die ihre Kinder in die Hände von Michelle Goos und Lone Fischer gaben – und diesen Moment mit der Kamera festhielten.

 

Quelle: Tageblatt (Scholz) vom 30.12.2017