“In Buxtehude ist weiterhin die Mannschaft der Star” – Interview mit BSV-Trainer Dirk Leun

Das erste Drittel der Saison 2016/17 in der Handball-Bundesliga Frauen ist gespielt, aktuell und in den nächsten Wochen liegt der Fokus auf der Handball-Europameisterschaft in Schweden (4.-18. Dezember). Nach Abschluss der ersten Phase belegt der wiedererstarkte Buxtehuder SV auf Tabellenplatz vier, sechs Siegen stehen lediglich zwei Niederlagen gegenüber. BSV-Trainer Dirk Leun spricht über die Gründe für den erfolgreichen Buxtehuder Saisonstart, seine Einschätzung der neuen Regeln und gibt einen Ausblick auf die EM.

 

Bist du zufrieden mit dem bisherigen Saisonverlauf?

 

Dirk Leun: Angesichts des großen Umbruchs auf jeden Fall.

 

Das war ja nicht unbedingt zu erwarten. Vor der Saison wurden gleich acht Spielerinnen verabschiedet, darunter mit Isabell Klein, Randy Bülau und Jana Podpolinski drei langjährige Säulen und Erfolgsgaranten des Buxtehuder Teams.

 

Dirk Leun: Das ist richtig. Aber unsere Kader-Zusammenstellung hat sich als richtig erwiesen, wir haben auch die zentralen Positionen sehr gut besetzt. Wir haben dies mit unseren begrenzten finanziellen Mitteln gut gelöst. Und es ist wirklich nicht selbstverständlich, dass man von außen schon den Eindruck einer sehr homogenen Mannschaft hat. Das ist ein gutes Zeichen. Auch die neuen Spielerinnen haben sehr schnell zu einer starken Leistung gefunden.

 

Was macht die Stärke des Teams aus?

 

Dirk Leun: Von der Statistik her stellen wir – nach Bietigheim – den zweitbesten Angriff der Liga. Wir sind auf jeder Position doppelt gut besetzt. Wir haben spielerische Qualität im Angriff und harmonieren im Zusammenspiel schon gut. Auch in der Saison 2016/17 gilt: In Buxtehude ist die Mannschaft der Star!

 

Woran muss noch gearbeitet werden?

 

Dirk Leun: Ich glaube, um gegen die Spitzenmannschaften der Liga eine reelle Chance zu haben, müssen wir uns in der Deckung verbessern, zweikampfstärker werden. Und technisch, taktisch müssen wir uns steigern, um in der Lage zu sein, den Gegner vor mehr Entscheidungsprobleme zu stellen. Auch athletisch werden wir in der EM-Pause noch mal nachbessern.

 

Fünf Nationalspielerinnen sind zur Zeit unterwegs, das gab es beim BSV schon lange nicht mehr? Wie geht man als Trainer damit um?

 

Dirk Leun: Im Vergleich zu den Vorjahren gibt es bei uns eine veränderte Periodisierung. Die Wintervorbereitung zielt jetzt noch mal auf positionsspezifische Verbesserung und Auffrischung athletischer Grundlagen. In den Vorjahren – als wir die Mannschaft nahezu komplett hatten – war auch die mannschaftstaktische Vorbereitung ein Schwerpunkt. Dies haben wir in diesem Jahr schon in den letzten Wochen vor der Pause erledigt.

 

Der BSV steht nach dem ersten Saisondrittel auf Platz 4? Heißt Euer Saisonziel Europacup-Platz?

 

Dirk Leun: Der aktuelle Platz 4 ist eine Momentaufnahme. Vor uns spielen drei Mannschaften ernsthaft um den Titel, danach kämpfen 3 bis 4 Mannschaften um den letzten oder ganz eventuell auch zwei Europacup-Plätze. Wir machen uns berechtigte Hoffnungen auf Platz 4 oder 5. Unser Ziel ist ein internationaler Startplatz.
Ich bin überzeugt: Wenn wir dieses Ziel erreichen wollen, brauchen wir eine Steigerung, insbesondere in der Deckung. Das Leistungsniveau hinter den drei Spitzenteams ist annähernd gleich. Oldenburg, Leipzig und Göppingen sind zur Zeit mit uns die heißesten Anwärter auf Platz 4.

 

Wie schätzt Du die Stärke der Liga insgesamt ein?

 

Dirk Leun: In der Spitze breit aufgestellt mit dem Top-Trio, wobei Bietigheim für mich der klare Top-Favorit ist. Aber Metzingen hat gezeigt, dass sie auf Augenhöhe sind, und der THC könnte nach einem starken Umbruch vielleicht auch noch in der Lage sein, in den Titelkampf einzugreifen. Mindestens bis Platz 6 und 7 haben wir ein hohes Niveau. Insgesamt steht fest: Man ist in jedem Spiel voll gefordert, das haben wir zuletzt erst wieder beim knappen Heimsieg gegen Leverkusen gesehen.
Das Niveau insgesamt ist gestiegen, das zeigen auch die deutschen Erfolge im Europa-Cup, alle fünf deutschen Clubs sind nach der Winterpause noch dabei! Das ist nicht selbstverständlich bei dem neuen Modus im EHF-Cup. Bemerkenswert: Deutschland stellt alleine 5 von 28 noch verbliebenen Clubs in Champions League und EHF-Cup.

 

Wie sind Deine Erfahrungen mit den neuen Regeln?

 

Dirk Leun: Der 7. Feldspieler ohne Leibchen ist zwar grundsätzlich eine taktische Maßnahme, die helfen kann. Ich aber bleibe dabei, dieses Mittel nicht einzusetzen. Wir tun uns oft schwer genug bei eigener Überzahl 6:5, da muss ich – bei deutlich weniger zur Verfügung stehenden Räumen – gar nicht erst 7:6 versuchen. Unsere beiden Spiele gegen Leipzig haben gezeigt: Wenn Du in der Abwehr mit 6:7 gut agierst, geht der Schuss für den Gegner – im Wortsinne – schnell nach hinten los. Auf der anderen Seite haben wir in Leipzig zu passiv gegen 7 Feldspielerinnen agiert und keine wirksame Lösung gefunden, diese taktische Maßnahme in den Griff zu kriegen. 32 Auswärtstore haben auch deshalb nicht zum Sieg in Leipzig gereicht.
Ich bin aber ein großer Freund der Möglichkeit, in Unterzahl mit einem 6. Feldspieler auszugleichen. Die Statistik gibt uns recht. Es fällt uns so leichter, die Zeitstrafe zu kompensieren, wir können gewohnte Abläufe fortsetzen und kommen weniger in Stress und und drohendes Zeitspiel. Statistisch haben wir eine deutlich positive Tor-Bilanz aus den Zeiten von Unterzahl.

 

Und die Zwangspause nach einer Behandlung auf dem Feld?

 

Dirk Leun: Das hat sich bewährt, man sieht ja kaum noch Physios auf dem Feld.

 

Thema Nationalmannschaft: Was erwartest Du von der EM in Schweden?

 

Dirk Leun: Bei einer EM gibt es – anders als bei einer WM – nur schwere Gegner, in der deutschen Gruppe erst recht. Es wird spannend sein zu sehen, wie sich die Truppe von Michael Biegler nach dem Umbruch schlagen wird. Wobei allen Beteiligten klar sein muss: Diese EM kann nur ein weiterer Schritt sein auf dem Weg zur Heim-WM 2017, das haben alle im Blick.

 

Und was kann die BSV-A-Jugend in dieser Saison erreichen?

 

Dirk Leun: Unser Ziel heißt: Wieder ins Final Four zu kommen, es wäre für uns das 5. Mal in Folge. Unsere Mannschaft ist sicherlich nicht ganz so stark wie in der letzten Saison, aber das Ziel Final Four ist realistisch.

 

Vielen Dank!