Vor dem Pokalderby: Interview mit den Trainern Steffen Birkner und Dirk Leun

BUXTEHUDE. Dirk Leun und Steffen Birkner arbeiten seit fast neun Jahren zusammen. Am Mittwoch stehen sich die beiden Handballtrainer gegenüber. Dann spielen Birkners SGH Rosengarten-Buchholz und Leuns Buxtehuder SV im DHB-Pokal um den Einzug in die Finalrunde.

 

Herr Birkner, es gibt viele Begriffe, die das morgige Pokalspiel zwischen Rosengarten und dem BSV beschreiben: Derby, Nachbarschaftsduell, Familientreffen – oder handelt es sich nur um irgendein Handballspiel?

 

Birkner: Es ist das Viertelfinale im DHB-Pokal. Das Spiel hat eine große Wertigkeit in einem Wettbewerb, der hoch angesiedelt ist. Wir sind nur noch ein Spiel vom Final Four entfernt. So weit sind wir in Buchholz noch nie gekommen. Uns ist aber auch bewusst, dass wir verglichen mit einem Formel-1-Rennen in keinem Ferrari sitzen, sondern im VW.

 

Hat der VW überhaupt keine Chance, den Ferrari einzuholen?

 

Birkner: Wir haben eine minimale Chance von fünf bis zehn Prozent. Die wollen wir nutzen.

 

Herr Leun, vor der letzten Bundesliga-Begegnung beider Mannschaften haben Sie von einem Nachbarschaftsduell statt von einem Derby gesprochen. Welchen Begriff würden Sie diesem Pokalspiel verpassen?

 

Leun: Familientreffen, Nachbarschaftsduell, Derby, es trifft alles zu. Wir sehen das Spiel als Pokalfight, in dem beide Mannschaften alles daran setzen, das Final Four zu erreichen.

 

Sie glauben, dass Rosengarten eine realistische Chance hat.

 

Leun: Selbstverständlich. Wir sind keine Übermannschaft. Das haben wir in den bisherigen Bundesligaspielen gegen Rosengarten gesehen. Steffen hatte seine Mannschaft taktisch hervorragend auf uns eingestellt. Wir tun gut daran, das Spiel ernst zu nehmen.

 

Aber…

 

Leun: Klar, auf dem Papier haben wir die höhere sportliche Qualität. Wir sind der Favorit.

 

Birkner: Die Rollenverteilung ist von der Leistungsstärke klar. Dazu spielt meine Mannschaft in dieser Saison zu inkonstant. Vor allem sind wir nicht im Fußball, wo man so wenig Torkontakt hat, dass ein Angriff ausreicht, um zu überraschen.

 

Was macht den BSV so stark?

 

Birkner: Der BSV verfügt über sehr gute Individualisten, aber auch über einen sehr ausgeglichenen Kader. Emily Bölk kann Spiele entscheiden, genauso wie Jessica Oldenburg oder Antje Lenz.

 

Herr Birkner, Sie arbeiten seit 2008 mit Dirk Leun zusammen, zuerst beim BSV, dann als Trainer in Rosengarten. Ist es ein Vorteil für das Pokalderby, dass Sie sich so gut kennen?

 

Birkner: Es kann ein Vorteil sein. Aber der Leistungsunterschied ist immens. Da kann ich 1000 Ideen haben, wie wir den BSV schlagen können. Es wird trotzdem schwierig.

 

Ist es daher nicht umso wichtiger, den Gegner im Pokalduell zu überraschen?

 

Birkner: Wir werden für das eine Spiel nicht alles umwerfen. Wir hatten am Sonnabend ein Auswärtsspiel, spielen am Sonntag schon wieder auswärts. In dieser Situation wäre es fahrlässig, im Pokal wilde Sau zu spielen. Das kann meine Mannschaft innerhalb von zwei Tagen nicht umsetzen.

 

Gibt es beim BSV eine spezielle Vorbereitung auf das Pokalspiel?

 

Leun: Wir hatten erst am Sonntag ein Bundesligaspiel in Dortmund, da geht es uns ähnlich wie Steffen. Auch wir können uns nicht in wenigen Stunden anders taktisch vorbereiten. Das Spielkonzept steht. Speziell geht es in der Vorbereitung nur um Details, die ich hier aber nicht preisgeben werde. (grinst)

 

Klingt normal.

 

Leun: Es ist kein normales Spiel, weil es eine hohe Bedeutung hat.

 

Spionieren Sie hin und wieder in Rosengarten oder studieren den Gegner im Video?

 

Leun: Ich schaue mir jede Menge Videos an, um den Gegner zu analysieren. Das macht Steffen genauso, da sind wir in der Arbeitsweise ähnlich. Aber es ist gar nicht so sehr das Spiel Steffen Birkner gegen Dirk Leun, es ist vielmehr das Spiel der Spielerinnen. Einige haben schon sehr lange zusammen trainiert und oft mit- oder gegeneinander gespielt. Ich bin gespannt, wie die Spielerinnen miteinander umgehen und die Stärken ihrer Gegenspielerinnen in Schach halten.

 

Siehe Paula und Lisa Prior.

 

Leun: Lisi kennt ihre Schwester Paula und Paula kennt ihre Schwester Lisi. Das kann sowohl Vor- als auch Nachteil sein. Entscheidend ist, wer seine Kenntnisse und Erfahrungen über die jeweils andere besser einsetzt.

 

Herr Birkner, Sie sind als Trainernovize zum BSV gekommen, haben viel von Dirk Leun gelernt. Was haben Sie in puncto Menschenführung mitgenommen?

 

Birkner: Als ich zum BSV gekommen bin, musste ich mich daran gewöhnen, eine Mannschaft mit Hochleistungssportlern zu führen. Ich musste lernen, wie man mit Menschen umgeht, die mit dem Sport Geld verdienen, die daneben bis zu 30 Stunden arbeiten und manchmal mit nicht so guter Laune zum Training kommen. Da hat Dirk viel Erfahrung mitgebracht, was auf meinem Ausbildungsweg sehr wichtig war.

 

Wie bewerten Sie die Entwicklung ihres jungen Kollegen?

 

Leun: Steffen war 2008 noch ein unbeschriebenes Blatt. Aber er hat es geschafft, beim BSV Talente weiterzuentwickeln. Dadurch genießt er in ganz Handball-Deutschland einen guten Ruf, vor allem auch dadurch, wie er jetzt mit begrenzten Mitteln erfolgreich in Rosengarten arbeitet.

 

Herrscht durch das Pokalspiel zwischen Ihnen nun Funkstille?

 

Leun: Es gibt keine bewusste Funkstille und keine bewusste Kommunikation. Wenn ich eine dringende Frage an Steffen hätte, würde ich ihn noch heute anrufen. Ich glaube, dass Steffen auch ans Telefon gehen würde.

 

Und ansonsten?

 

Leun: Unabhängig vom Pokalspiel stimmen wir uns jede Woche ab, um die Entwicklung von Spielerinnen wie Lynn Schneider oder Paula Prior zu besprechen. Steffen weiß also immer noch, wo hier im Büro die Kaffeekanne steht – und das wird er auch so schnell nicht vergessen. (Birkner lacht) Wir sind Kollegen, die das gleiche Ziel haben: junge Spielerinnen auf den Leistungssport vorzubereiten.

 

Sie sprechen die Kooperation zwischen der SGH und dem BSV an, die es Talenten aus Buxtehude ermöglicht, sich beim kleinen Nachbarn weiterzuentwickeln. Wie denken Sie über die Kooperation, Herr Birkner?

 

Birkner: Es ist einmalig in Deutschland, wie dieses Modell gelebt wird. Als klar war, dass wir im Pokal gegeneinander spielen, haben beide Mannschaften trotzdem miteinander trainiert. Darüber sind wir als kleiner Verein mit beschränkten Mitteln und kleinem Kader dankbar. Eine Win-Win-Situation.

 

Gibt es trotz der Kooperation BSV-Spielerinnen, die Sie gerne im Kader hätten?

 

Birkner: Nein, ich bin mit meinem Kader zufrieden und freue mich, dass Spielerinnen wie Emily Bölk und Jessica Oldenburg, die ich begleitet habe, den Weg in die Bundesliga geschafft haben.

 

Und umgekehrt, Herr Leun?

 

Leun: Auch keine. Würde es eine Spielerin in Rosengarten geben, die überragende Leistungen in der zweiten Liga zeigt, dann würden Steffen und ich uns darüber unterhalten, sie kommende Saison nach Buxtehude zu holen.

 

Die Begriffe Familientreffen oder Nachbarschaftsduell träfen es dann ganz gut.

 

Leun: Ja. Ich habe ein halbes Jahrzehnt als Trainer mit Mainzlar gegen Lützelinden gespielt – und das war Nachbarschaftskrieg. Da ging es richtig zur Sache, auch verbal. Aber dieses Duell ist damit überhaupt nicht vergleichbar, es ist relativ gechillt, wie man heute sagt. Die Emotionen kommen dann im Spiel, vorher bin ich gelassen.

 

Offiziell ist Rosengarten der Gastgeber des Pokalspiels in der Halle Nord. Wie bestreitet die SGH Rosengarten-Buchholz die Anreise?

 

Birkner: In der letzten Saison haben wir uns vor dem Auswärtsspiel beim BSV noch bei mir zu Hause in Buxtehude auf Kaffee und Kuchen getroffen. Diesmal machen wir keine Kinkerlitzchen und treffen uns zwei Stunden vor Anpfiff in Buxtehude. Jeder reist selbst an, weil einige Spielerinnen direkt von der Arbeit kommen.

 

Wie stehen Sie der Entscheidung gegenüber, dass das Spiel nach Buxtehude verlegt wurde?

 

Birkner: Unser Management hat die richtige Entscheidung getroffen, zum einen, weil der Zuschauerzuspruch in der Region riesig ist, und zum anderen, um beiden Vereinen Geld in die Kassen zu spielen. Und besonders angenehm: Ich kann von zu Hause aus zur Halle spazieren.

 

Und sportlich?

 

Birkner: Da bin ich ein zu großer Realist, um zu sagen, in Buchholz hätten wir eine größere Chance.

 

Abschließende Frage, welche Schlagzeile möchte Sie nach dem Spiel im TAGEBLATT lesen?

 

Leun: Buxtehude zieht souverän ins Final Four ein.

 

Birkner: Ich würde mir schon wünschen: Rosengarten schafft die Sensation. Würde ich etwas anderes sagen, wäre ich ein schlechter Trainer.

 

Das Spiel

Viertelfinale im DHB-Pokal: SGH Rosengarten-Buchholz gegen den Buxtehuder SV
Mittwoch, 11. Januar, 19.30 Uhr, Halle Nord

 

Quelle: TAGEBLATT (Tim Scholz) vom 10.01.2017